Branchenübergreifende Tiefenthemen

Aus Modul 8, KI Strategie und Geschäftsmodell Innovationetwa 4 Minuten Lesezeit

Tiefenthema 1: KI und Arbeitsrecht in Deutschland

Die Einführung von KI-Systemen am Arbeitsplatz berührt Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats nach dem Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG). Trainer in Organisationen mit Betriebsrat sollten dieses Thema aktiv ansprechen — idealerweise als Ermächtigung, nicht als Bedrohung.

Relevante Beteiligungsrechte des Betriebsrats:

§87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG — Technische Überwachungseinrichtungen: Systeme, die geeignet sind, das Verhalten oder die Leistung von Arbeitnehmern zu überwachen, bedürfen der Zustimmung des Betriebsrats. KI-Systeme, die Arbeitsqualität oder -geschwindigkeit erfassen (auch als Nebeneffekt), können unter diese Regelung fallen.

§80 Abs. 2 BetrVG — Informationsrecht: Der Betriebsrat kann Informationen über geplante KI-Systeme verlangen, um seine Aufgaben erfüllen zu können.

§90 BetrVG — Unterrichtungs- und Beratungsrechte bei Technikgestaltung: Der Betriebsrat muss rechtzeitig über die Planung neuer technischer Anlagen unterrichtet und beraten werden.

Strategische Empfehlung: Betriebsräte frühzeitig in den KI-Strategieprozess einbinden — als Partner bei der Identifikation von Use Cases und bei der Ausgestaltung der Governance-Regeln. Betriebsräte, die als Mit-Gestalter der KI-Strategie agieren, sind weniger wahrscheinlich, spätere Blocking-Positionen einzunehmen. Das Gegenteil — Betriebsräte spät oder gar nicht einzubinden — ist nicht nur rechtlich riskant, sondern auch Change-Management-mäßig kontraproduktiv.

Tiefenthema 2: Nachhaltigkeit und KI

KI-Systeme haben einen erheblichen ökologischen Fußabdruck, der bei der Investitionsentscheidung und im Governance-Handbuch berücksichtigt werden sollte:

Energieverbrauch von KI-Modellen: - Das Training eines großen Sprachmodells (GPT-4-Klasse) verbraucht Schätzungen zufolge so viel Energie wie ein Transatlantikflug für hunderte Passagiere - Die Inferenz (Nutzung des Modells) ist energieeffizienter — aber bei hohem Nutzungsvolumen summiert sich der Verbrauch

Nachhaltigkeits-Implikationen für Use-Case-Entscheidungen: 1. Kleinere Modelle (z.B. Mistral 7B, Llama 3 8B) für einfache Aufgaben bevorzugen — erheblich energieeffizienter als GPT-4-Klasse bei gleicher Leistung für einfache Aufgaben 2. Prompt-Effizienz: Kürzere, präzisere Prompts verbrauchen weniger Tokens = weniger Energie 3. Caching: Häufig gestellte identische Anfragen werden gecacht statt erneut berechnet 4. Rechenzentrum-Standorte: Cloud-Anbieter mit hohem Renewable-Energy-Anteil bevorzugen

CSRD-Relevanz (ab 2024): Unter der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) müssen immer mehr Unternehmen über ihre Umweltwirkungen berichten — inklusive IT-bedingter Emissionen. KI-Systeme werden Teil der Scope-3-Berichterstattung. Ein KI-Governance-Handbuch sollte Richtlinien zur Nachhaltigkeitsbewertung von KI-Use-Cases einschließen.

Tiefenthema 3: KI-Kompetenz als strategische Ressource

Die Einführung von KI-Technologie ohne parallelen Kompetenzaufbau bei den Mitarbeitenden ist zum Scheitern verurteilt. Dieser Zusammenhang ist in der Literatur gut belegt — aber in der Praxis wird er systematisch unterschätzt.

Das Kompetenz-Investment-Missverhältnis:

Studien (u.a. Gartner, McKinsey 2024) zeigen konsistent: Unternehmen investieren im Durchschnitt 10–15 % ihres KI-Projektbudgets in Schulung und Kompetenzentwicklung — obwohl Adoption-Probleme (also Kompetenz-Probleme) für 40–60 % der KI-Implementierungsmisserfolge verantwortlich sind. Das optimale Verhältnis liegt bei 25–35 % des Projektbudgets für Schulung und Change Management.

Dreistufiges KI-Kompetenzmodell für Organisationen:

Stufe 1 — KI-Literacy (alle Mitarbeitenden): Grundverständnis, was KI ist und was sie kann; kritischer Umgang mit KI-Outputs; Datenschutz-Grundwissen. Zeitaufwand: 4–8 Stunden (eLearning + Workshop).

Stufe 2 — KI-Praxis (alle KI-Nutzer): Promptingkompetenz für das eigene Tool-Set; Use-Case-Canvas grundlegend; Pilot-Teilnahme. Zeitaufwand: 12–24 Stunden (dieses Modul + Übung).

Stufe 3 — KI-Strategie (KI-Verantwortliche, Management): Use-Case-Identifikation und -priorisierung; Business-Case-Erstellung; Governance-Design; Pilot-Steuerung. Zeitaufwand: 32–48 Stunden (vollständiges Modul 8 + Projektarbeit).

Kompetenzaufbau als kontinuierlicher Prozess:

KI-Kompetenz ist kein einmaliges Schulungsergebnis. Die Technologie entwickelt sich schnell — was heute Best Practice ist, kann in 18 Monaten überholt sein. Nachhaltige KI-Kompetenz erfordert: - Quartalsweise Update-Schulungen (1–2 Stunden, neue Entwicklungen) - Communities of Practice (interne Lerngruppen, die Erfahrungen teilen) - Externe Vernetzung (Branchenverbände, KI-Netzwerke, Konferenzen) - Experimentierkultur (Zeit und Raum für nicht-produktive KI-Experimente)

Merksatz

KI-Kompetenz ist keine Schulungsmaßnahme — es ist eine kulturelle Transformation. Organisationen, die KI-Schulungen als einmalige Investition betrachten, werden in 18 Monaten wieder von vorn beginnen müssen. Organisationen, die KI-Kompetenz als permanentes strategisches Asset pflegen, akkumulieren einen Wissensvorsprung, der schwer einzuholen ist.

Quelle ist die KI Wissensbasis von MindsMachines, Edition Juni 2026. Die vollständige Fassung gibt es als PDF.

Befähigung nach Maß, an echten Aufgaben je Rolle

Befähigungsgespräch, 30 Minuten, online. Ergebnis ist der Bedarf je Rolle und ein Plan für einen Befähigungstag an echten Aufgaben Ihres Teams. Der Befähigungstag dokumentiert die durchgeführten Maßnahmen zur Förderung der KI Kompetenz nach Art. 4 EU AI Act.

Befähigungsgespräch vereinbaren