Lernziele
- Sie kennen die gesetzlichen Anforderungen des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) ab dem 28.06.2025 und können erläutern, welche digitalen Produkte und Dienstleistungen betroffen sind.
- Sie unterscheiden Leichte Sprache und Einfache Sprache nach Zielgruppe, Regelwerk und Aufwand und können für einen gegebenen Anwendungsfall das geeignete Format auswählen.
- Sie formulieren Alt-Texte für drei unterschiedliche Diagramm-Typen nach der 3-Varianten-Vorlage und können Qualitätskriterien für gute Alt-Texte benennen.
- Sie wenden KI-gestützte Lesbarkeitsanalyse und Whisper-Untertitelung auf eigene Dokumente und Videos an.
- Sie beschreiben Barrierefreiheit als strategischen Wettbewerbsvorteil und kennen mindestens zwei Branchen-Anwendungsfälle, in denen Barrierefreiheit nachweisbar Mehrwert erzeugt.
| Aspekt | Details |
| Dauer | 90 Minuten |
| Methoden | Kurzinput, Einzel-Übung, Partnerarbeit, Plenumsdiskussion |
| Material | Zugang zu ChatGPT oder Claude, Stellenausschreibung (Trainer-Set), drei Diagramme zum Beschriften (Trainer-Set) |
| Schwierigkeitsgrad | Mittel |
| Querverweise | UE 41 (Umformulieren), UE 45 (Präsentationen), UE 40 (Textproduktion) |
Worum geht es?
Barrierefreiheit in digitalen Medien ist in Deutschland seit dem 28. Juni 2025 für viele Unternehmen gesetzliche Pflicht — das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) setzt die europäische Richtlinie 2019/882 (European Accessibility Act, EAA) in nationales Recht um. Betroffen sind Unternehmen, die bestimmte digitale Produkte und Dienstleistungen an Verbraucherinnen und Verbraucher anbieten: von E-Commerce-Websites über Banking-Apps bis zu Selbstbedienungsterminals.
Jenseits der gesetzlichen Pflicht ist Barrierefreiheit ein strategisches Argument: 13 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Behinderung. Websites und Dokumente, die für Screenreader optimiert sind, sind gleichzeitig besser für Suchmaschinen — Barrierefreiheit und SEO teilen viele Best Practices. Alt-Texte, Lesbarkeit, strukturierte Dokumentation: All das verbessert nicht nur den Zugang für Menschen mit Einschränkungen, sondern die allgemeine Nutzungsqualität.
KI-Assistenten können bei dieser Aufgabe erheblich helfen: Alt-Texte generieren, Texte in Einfache Sprache umformulieren, Lesbarkeit analysieren, Untertitel aus Videos extrahieren.
Lerntext
Das BFSG und WCAG 2.1: Rechtlicher Rahmen
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), in Kraft seit 28. Juni 2025, verpflichtet Unternehmen, bestimmte Produkte und Dienstleistungen barrierefreiheitstauglich zu gestalten. Betroffene Produkte umfassen u.a. Computer und Betriebssysteme, Smartphones, Tablets, E-Reader, Bankdienstleistungen (Apps, Websites), E-Commerce-Websites, Telekommunikationsdienste.
Die technischen Anforderungen orientieren sich an WCAG 2.1 (Web Content Accessibility Guidelines) — einem international anerkannten Standard, der in vier Prinzipien gegliedert ist:
1. Wahrnehmbar: Informationen müssen in Formen wahrnehmbar sein, die für alle Nutzerinnen und Nutzer zugänglich sind. Das umfasst Alt-Texte für Bilder, Untertitel für Videos, ausreichende Farbkontraste.
2. Bedienbar: Alle Funktionen müssen ohne Maus nutzbar sein (Tastaturnavigierbarkeit), ausreichend Zeit für Interaktionen vorhanden sein, keine Inhalte vorhanden sein, die Krampfanfälle auslösen könnten.
3. Verständlich: Texte müssen in lesbarer Sprache verfasst sein, Fehler klar kommuniziert, Struktur und Navigation konsistent sein.
4. Robust: Inhalte müssen von aktuellen und zukünftigen Hilfstechnologien (Screenreader, Braille-Displays) korrekt interpretierbar sein.
Merksatz
Barrierefreiheit ist keine optionale Zusatzleistung — sie ist seit dem 28. Juni 2025 für viele Unternehmen Gesetzespflicht. Gleichzeitig ist sie ein Wettbewerbsvorteil: Barrierefreie Websites performen besser in Suchmaschinen, und barrierefreie Dokumente sind für alle Nutzerinnen und Nutzer besser lesbar.
Leichte Sprache vs. Einfache Sprache
Leichte Sprache und Einfache Sprache werden häufig verwechselt — sie unterscheiden sich in Zielgruppe, Regelwerk und Aufwand fundamental.
Leichte Sprache ist ein streng geregeltes Kommunikationsformat für Menschen mit Lernschwierigkeiten, kognitiven Einschränkungen oder sehr niedrigen Deutschkenntnissen. Das Regelwerk (herausgegeben vom Netzwerk Leichte Sprache) umfasst über hundert spezifische Vorgaben: Satzlänge max. zehn Wörter, ein Gedanke pro Satz, keine Metaphern, keine Fremdwörter, obligatorische Bilder zur Textunterstützung. Leichte Sprache in echter Qualität muss von qualifizierten Prüferinnen und Prüfern mit Lernschwierigkeiten validiert werden — KI kann einen ersten Entwurf liefern, aber keine Qualitätsgarantie geben.
Einfache Sprache ist ein weniger streng geregeltes Format, das allgemeine Verständlichkeit für ein breites Publikum anstrebt — ohne die extremen Einschränkungen von Leichter Sprache. Zielgruppe: Menschen mit niedrigem Bildungsniveau, nicht-muttersprachliche Deutschsprechende, Menschen in Stress- oder Überforderungssituationen. Einfache Sprache ist der praktische Alltags-Standard für Bürgerkommunikation, Formulare, allgemeine Informationstexte. KI kann Einfache Sprache mit guter Qualität generieren.
Prompt für Einfache Sprache: „Formuliere diesen Text in Einfacher Sprache um. Regeln: (1) Sätze maximal zwanzig Wörter, (2) aktive Verben, kein Passiv, (3) Fachbegriffe erklären oder ersetzen, (4) eine Aussage pro Satz, (5) kurze Absätze mit Leerzeile dazwischen.”
Prompt für Leichte Sprache (Erstentwurf): „Erstelle einen Erstentwurf in Leichter Sprache. Regeln: (1) maximal zehn Wörter pro Satz, (2) ein Gedanke pro Satz, (3) keine Metaphern, (4) keine Fremdwörter, (5) einfachste Alltagssprache. Hinweis: Dieser Entwurf muss von qualifizierten Prüferinnen mit Lernschwierigkeiten validiert werden.”
Merksatz
KI kann Einfache Sprache mit guter Qualität generieren. Leichte Sprache kann KI als Erstentwurf unterstützen — aber die Validierung durch Menschen mit Lernschwierigkeiten ist nicht ersetzbar. Wer das verwechselt, riskiert schlechte Qualität und Reputationsschäden.
Alt-Texte: Warum und wie
Alt-Texte (Alternativtexte) sind Textbeschreibungen für Bilder, Diagramme und grafische Inhalte. Sie werden von Screenreadern für blinde und sehbehinderte Nutzerinnen und Nutzer vorgelesen. Gute Alt-Texte sind: präzise, informativ, auf das Wesentliche reduziert, ohne einleitende Formeln wie „Bild zeigt”.
Drei Varianten je nach Bild-Typ:
Variante 1 — Dekoratives Bild: Bilder ohne Informationsgehalt erhalten ein leeres Alt-Attribut (alt=""). Screenreader überspringen diese Bilder. Falsch wäre, ein Dekorationsbild zu beschreiben — das stört den Lesefluss.
Variante 2 — Informatives Bild (Foto, Illustration): Beschreibt den Inhalt des Bildes in einem prägnanten Satz. Was ist zu sehen? Was ist die Kernaussage? Nicht: „Foto von einer Gruppe Menschen”. Besser: „Drei Personen diskutieren an einem Whiteboard mit handgeschriebenen Prozessdiagrammen.”
Variante 3 — Datendiagramm (Balken, Linien, Kuchen): Alt-Text für Diagramme muss nicht nur das Bild beschreiben, sondern die Information kommunizieren, die das Diagramm enthält. Nicht: „Balkendiagramm zur Umsatzentwicklung”. Besser: „Umsatzentwicklung 2022–2024: Wachstum von 12 Mio. auf 18 Mio. Euro (+50 %), stärkstes Wachstum im Quartal Q3 2023.”
Alt-Text-Prompt-Vorlage: „Erstelle einen Alt-Text für dieses [Bildtyp: Foto / Illustration / Diagramm]. Zielgruppe: blinde und sehbehinderte Nutzerinnen und Nutzer, die einen Screenreader verwenden. Regeln: (1) kein ‘Bild zeigt’, (2) informationsreich, (3) maximal zwei Sätze für einfache Bilder, (4) für Diagramme: Kernaussage der Daten kommunizieren, nicht nur Struktur beschreiben.”
Whisper für Untertitel und inklusives Formulieren
OpenAI Whisper ist ein Open-Source-Spracherkennungsmodell, das Audioinhalte — ob aus Videos, Podcasts oder Meeting-Aufzeichnungen — in präzise Transkripte umwandelt. Diese Transkripte können direkt als Untertitel genutzt werden. Whisper unterstützt über neunzig Sprachen, inklusive Deutsch, mit hoher Qualität.
Anwendungsszenarien: Untertitel für Erklärvideos und Schulungsvideos, Transkripte für Podcasts (Barrierefreiheit + SEO), Untertitel für Teams-Aufzeichnungen die nicht in Microsoft 365 gehalten werden.
Inklusives Formulieren geht über Barrierefreiheit im technischen Sinn hinaus: Es geht um Sprache, die alle Menschen anspricht — unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Alter oder körperlichen Fähigkeiten. KI kann bei inklusivem Formulieren helfen: - Prompt: „Prüfe diesen Text auf Formulierungen, die bestimmte Personengruppen ausschließen oder unbewusst diskriminieren. Schlage inklusive Alternativen vor.” - Prompt: „Überprüfe diese Stellenausschreibung auf geschlechtsspezifische Sprache, Altersbeschränkungen und implizite Vorurteile. Formuliere eine inklusive Version.”
Vertiefung — Farbkontrast, strukturierte Dokumente und Barrierefreiheit als Wettbewerbsvorteil
Praxis-Vertiefung: Barrierefreiheit als strategische Praxis und Innovationsfeld
Barrierefreiheit als Wettbewerbsvorteil:
Barrierefreiheit wird häufig als Compliance-Pflicht wahrgenommen — aber für Unternehmen, die sie als strategisches Differenzierungsmerkmal nutzen, entstehen handfeste Vorteile:
Marktgröße: 13 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Behinderung. Weltweit sind es über eine Milliarde. Barrierefreie Websites und Dokumente erschließen diesen Markt systematisch.
SEO-Synergie: Gut strukturierte HTML-Seiten (mit Alt-Texten, korrekter Heading-Hierarchie, beschrifteten Formularen) werden von Suchmaschinen besser gerankt. Die technischen Anforderungen von WCAG 2.1 und SEO überlappen zu 70 Prozent.
Universal Design: Was für Menschen mit Einschränkungen entwickelt wurde, ist oft für alle besser. Klar strukturierte Dokumente, einfache Sprache, gut beschriftete Grafiken — all das verbessert die Nutzungsqualität für alle Zielgruppen.
Mitarbeiterzufriedenheit: Mitarbeitende mit temporären Einschränkungen (Unfallverletzungen, Alterssehschwäche) profitieren ebenfalls von barrierefreien internen Dokumenten und Systemen.
KI-gestützte Barrierefreiheits-Workflows:
Alt-Text-Generierung im Skala: Für Websites oder Dokumentensammlungen mit Hunderten von Bildern ist manuelle Alt-Text-Erstellung unpraktikabel. Mit GPT-4V (Vision) oder Claude kann Alt-Text-Generierung teilautomatisiert werden: Bilder werden der KI gezeigt, die einen strukturierten Alt-Text-Entwurf generiert. Human Review filtert falsche oder unvollständige Alt-Texte.
Untertitel-Erstellung mit Whisper: OpenAI Whisper transkribiert Audioinhalte in Text und ermöglicht die Erstellung von SRT-Untertiteldateien für Videos. Für Unternehmen mit einer großen Video-Bibliothek (Schulungsvideos, Produktdemos, Präsentationsaufzeichnungen) ist Whisper ein Game-Changer. Verarbeitung: lokal (datenschutzsicher) oder über API.
Lesbarkeits-Optimierung für interne Kommunikation: Regelmäßige Lesbarkeitsanalyse interner Dokumente als Standard-Prozess: Jedes Dokument, das eine breite Zielgruppe erreicht (HR-Kommunikation, IT-Policies, Sicherheitsrichtlinien), wird vor der Freigabe mit dem Lesbarkeits-Analyse-Prompt geprüft.
Merksatz
Barrierefreiheit ist keine Nische — sie ist die Zukunft der Kommunikation. Wer Dokumente und digitale Inhalte für alle zugänglich gestaltet, gewinnt auf drei Ebenen gleichzeitig: rechtliche Compliance, bessere Nutzungsqualität für alle, und strategischer Reputationsaufbau als verantwortungsvolles Unternehmen.
Farbkontrast-Analyse: WCAG 2.1 definiert Mindestanforderungen an den Farbkontrast zwischen Text und Hintergrund. KI-Tools können Kontrast-Analysen unterstützen: „Analysiere die Farben in diesem Bild auf ausreichenden Kontrast gemäß WCAG 2.1 AA-Standard. Empfehle Anpassungen, falls der Kontrast unzureichend ist.”
Strukturierte Dokumente: Barrierefreie Word- und PDF-Dokumente erfordern strukturierte Überschriften-Hierarchien (H1 / H2 / H3), beschriftete Tabellen, sprechende Hyperlinks (nicht „hier klicken”) und korrekte Dokumentensprache. Prompt: „Prüfe dieses Dokument auf Barrierefreiheits-Defizite: Überschriften-Hierarchie, Alt-Texte für Bilder, sprechende Links, Tabellenstruktur.”
Barrierefreiheit als Wettbewerbsvorteil: Studien zeigen, dass barrierefreie Websites eine um 35 bis 45 Prozent bessere Conversion-Rate haben als nicht-barrierefreie — weil Barrierefreiheit und gute Nutzerfreundlichkeit hoch korreliert sind. Unternehmen, die Barrierefreiheit proaktiv umsetzen, positionieren sich außerdem als verantwortungsvolle Arbeitgeber und Geschäftspartner — ein zunehmend relevantes Kriterium in ESG-bewussten Märkten.
BFSG-Compliance-Checkliste (Kurzform): - Alle Bilder mit Alt-Text versehen? - Videos mit Untertiteln? - Farbkontraste WCAG AA-konform? - Tastaturnavigierbarkeit getestet? - Überschriften-Hierarchie korrekt? - Sprachattribut im Dokument/Website gesetzt?
Branchen-Anwendungen
IT-Dienstleistung & Beratung
Ein IT-Beratungsunternehmen entwickelt eine neue Unternehmenswebsite. Barrierefreiheit ist von Anfang an Teil der Anforderungen — nicht als nachträgliches Audit, sondern als Design-Prinzip. KI wird für drei Aufgaben eingesetzt: (1) Alt-Texte für alle Bilder und Screenshots, (2) Lesbarkeits-Checks für alle Texte, (3) Überprüfung aller Verlinkungen auf sprechende Ankertexte. Das Ergebnis ist eine Website, die sowohl BFSG-konform ist als auch bessere SEO-Kennzahlen aufweist — weil Suchmaschinen strukturierte, gut beschriftete Inhalte bevorzugen.
Industrie & Fertigung
Ein mittelgroßes Fertigungsunternehmen muss seine Bedienungsanleitungen für Maschinen barrierefrei gestalten — Anforderung eines Großkunden in Skandinavien, wo Barrierefreiheits-Standards besonders streng ausgelegt werden. Mit KI-Unterstützung werden alle Grafiken in den Anleitungen mit Alt-Texten versehen, komplexe technische Beschreibungen in Einfache Sprache umformuliert und alle Videos mit Whisper-generierten Untertiteln versehen. Der Aufwand für eine Anleitung sinkt von zwei Tagen auf vier Stunden.
Finanzdienstleistung & Versicherung
Eine Versicherungsgesellschaft hat eine gesetzliche Verpflichtung zur barrierefreien Gestaltung ihres Online-Kundenportals (BFSG). Das Accessibility-Audit zeigt 147 Mängel. Mit KI-Unterstützung werden die Korrekturen priorisiert und bearbeitet: Alt-Texte für alle Icons und Produktbilder (KI-generiert und manuell geprüft), alle Fehlerhinweise in klare, verständliche Sprache umformuliert, alle Formulare mit beschreibenden Labels versehen. Die Mängelliste ist innerhalb von sechs Wochen auf zwölf Restpunkte reduziert — ein Zeitplan, der ohne KI-Unterstützung drei Monate erfordert hätte.
Öffentliche Verwaltung
Eine Stadtverwaltung überarbeitet alle Bürger-Formulare in Einfache Sprache. Dreißig Formulare, durchschnittlich zwei Seiten — ein enormer Aufwand für das kleine Redaktionsteam. KI-gestützte Einfache-Sprache-Übersetzungen werden als Entwürfe erstellt und von einem Redakteur geprüft und freigegeben. Die Zeitersparnis pro Formular beträgt 60 Prozent. Die Rate der fehlerhaft ausgefüllten Formulare sinkt um 22 Prozent — ein direkter Kapazitätsgewinn in der Sachbearbeitung.

Abb. 46.1 — Barrierefreiheits-Aspekte im Überblick: KI-gestützte Umsetzungsfelder
Übung 1
Stellenausschreibung → Einfache Sprache und Inklusivitäts-Check
Der Trainer stellt eine Stellenausschreibung aus dem Trainer-Set zur Verfügung (alternativ: eigene Ausschreibung).
Aufgabe: 1. Wenden Sie den Einfache-Sprache-Prompt auf die Ausschreibung an 2. Wenden Sie den Inklusivitäts-Check-Prompt an: Welche Formulierungen schließen Personengruppen aus? 3. Vergleichen Sie Original und überarbeitete Version: Was hat sich verändert? Ist die Stellenausschreibung noch professionell? 4. Diskutieren Sie: Verändert Einfache Sprache die wahrgenommene Professionalität — und wenn ja, ist das ein Problem?
Musterlösung:
Typische Befunde nach dem Inklusivitäts-Check: Formulierungen wie „belastbar”, „flexibel” und „teamfähig” können bestimmte Personengruppen implizit abschrecken. Technische Anforderungen, die über das tatsächlich Notwendige hinausgehen (z.B. „fünf Jahre Erfahrung” für eine Juniorposition), reduzieren Bewerbergruppen unnötig. Die Einfache-Sprache-Version ist häufig klarer und konkreter — nicht weniger professionell, aber anders. Die Diskussion über „professionell vs. zugänglich” ist wertvoll.
Übung 2
Alt-Texte für drei Diagramme
Der Trainer stellt drei Diagramme zur Verfügung: ein einfaches Balkendiagramm, ein Liniendiagramm mit Trend und ein Kreisdiagramm mit Segmenten.
Aufgabe: 1. Schreiben Sie für jedes Diagramm einen Alt-Text nach der Alt-Text-Prompt-Vorlage — zunächst manuell ohne KI-Unterstützung (3 Min. pro Diagramm) 2. Nutzen Sie dann den KI-Prompt und generieren Sie Alt-Texte für dieselben Diagramme (beschreiben Sie das Diagramm im Prompt, da KI keine Bilder direkt lesen kann, sofern kein Bild-Upload möglich ist) 3. Vergleichen Sie: Welcher Alt-Text ist informativer? Welcher kommuniziert die Kernaussage des Diagramms besser?
Musterlösung:
Häufiger Befund: Manuelle Alt-Texte beschreiben die Struktur des Diagramms („Balkendiagramm mit vier Kategorien”). KI-generierte Alt-Texte kommunizieren häufiger die inhaltliche Kernaussage (z.B. „Kategorie A übersteigt alle anderen Kategorien mit 45 % Anteil”). Die beste Lösung kombiniert: Struktur + Kernaussage. Für Kreisdiagramme ist die Aufzählung aller Segmente mit Prozentwerten die zuverlässigste barrierefreie Lösung.
Prompt-Vorlagen
Einfache-Sprache-Prompt: „Formuliere diesen Text in Einfacher Sprache um. Regeln: (1) Sätze maximal zwanzig Wörter, (2) aktive Verben, kein Passiv, (3) Fachbegriffe erklären oder durch einfachere Wörter ersetzen, (4) eine Aussage pro Satz, (5) kurze Absätze mit Leerzeile. Zielgruppe: Menschen mit niedrigem Bildungsniveau oder nicht-muttersprachlichem Deutsch.”
Leichte-Sprache-Erstentwurf-Prompt: „Erstelle einen Erstentwurf in Leichter Sprache nach den Regeln des Netzwerks Leichte Sprache: (1) maximal zehn Wörter pro Satz, (2) ein Gedanke pro Satz, (3) keine Metaphern, (4) keine Fremdwörter, (5) einfachste Alltagssprache. Hinweis: Dieser Entwurf muss von qualifizierten Prüferinnen mit Lernschwierigkeiten validiert werden.”
Alt-Text-Prompt (für Diagramme): „Erstelle einen Alt-Text für folgendes Diagramm: [Beschreibung des Diagramms: Typ, Achsen, Werte, Kernaussage]. Der Alt-Text soll: (1) die Kernaussage der Daten kommunizieren, nicht nur die Struktur beschreiben, (2) maximal zwei bis drei Sätze, (3) keine einleitende Phrase wie ‘Bild zeigt’, (4) für Screenreader-Nutzung optimiert.”
Inklusivitäts-Check-Prompt: „Prüfe diesen Text auf: (1) Formulierungen, die bestimmte Personengruppen ausschließen (Geschlecht, Alter, Herkunft, körperliche Fähigkeiten), (2) implizite Vorurteile, (3) übermäßig exklusive Anforderungsformulierungen. Schlage inklusive Alternativen für jede problematische Stelle vor.”
Lesbarkeitsanalyse-Prompt: „Analysiere diesen Text auf Lesbarkeit. Bewerte: (1) durchschnittliche Satzlänge (Wörter), (2) Häufigkeit von Fachbegriffen, (3) Passivkonstruktionen, (4) Nominalisierungen. Empfehle konkrete Verbesserungen für bessere Lesbarkeit. Zielgruppe: [Beschreibung].”
Cheatsheet — Barrierefreiheit und KI
BFSG (ab 28.06.2025): E-Commerce, Banking-Apps, Telekommunikation, Selbstbedienungsterminals → barrierefreiheitspflichtig
WCAG 2.1 — 4 Prinzipien: Wahrnehmbar · Bedienbar · Verständlich · Robust
Leichte Sprache vs. Einfache Sprache: - Leicht: max. 10 Wörter/Satz, kein Fremdwort, Bildvalidierung nötig → Lernschwierigkeiten - Einfach: max. 20 Wörter/Satz, Fachbegriffe erklären → breites Publikum, KI-tauglich
Alt-Text-Regeln: Kein „Bild zeigt”, Kernaussage kommunizieren, max. 2–3 Sätze, Diagramme: Daten kommunizieren statt Struktur beschreiben
Whisper: Open-Source-Transkription → Untertitel für Videos und Audiodateien, 90+ Sprachen
BFSG-Kurzcheckliste: - Alle Bilder mit Alt-Text? - Videos mit Untertiteln? - Farbkontrast WCAG AA? - Tastaturnavigierbarkeit? - Überschriften-Hierarchie korrekt?
Reflexionsfragen
- Welche digitalen Produkte oder Dokumente in Ihrer Organisation sind derzeit nicht BFSG-konform — und welche Maßnahmen wären kurzfristig umsetzbar?
- Wann ist Einfache Sprache der richtige Ansatz — und wann ist sie nicht ausreichend, sodass Leichte Sprache notwendig ist?
- Wie würden Sie den Return on Investment von Barrierefreiheits-Investitionen intern argumentieren — jenseits der gesetzlichen Pflicht?
Vertiefungsübung — Barrierefreiheits-Audit eines eigenen Dokuments
Übung 3 — Barrierefreiheits-Audit: Ein eigenes Dokument systematisch prüfen
Aufgabe: Führen Sie einen systematischen Barrierefreiheits-Audit an einem eigenen Dokument durch und entwickeln Sie einen Maßnahmenplan für die Verbesserung.
Material: Laptop; Zugang zu ChatGPT oder Claude; ein eigenes Dokument (Word, PDF oder Webseite) aus dem Berufsalltag.
Schritt-für-Schritt: 1. Wählen Sie ein Dokument, das Sie regelmäßig nutzen oder erstellen (z.B. einen Standardbericht, eine Stellenbeschreibung, eine interne Policy). 2. Prüfen Sie das Dokument auf fünf Dimensionen: (a) Lesbarkeit (Satzlänge, Wortschatz), (b) Sprache (Fachbegriffe ohne Erklärung?), (c) Visuelle Elemente (Bilder ohne Alt-Text?), (d) Struktur (Überschriften-Hierarchie klar?), (e) Format (kontrastreiche Farben, keine rein-farbige Information?). 3. Geben Sie den Text in die KI: „Analysiere diesen Text nach WCAG 2.1-Kriterien und Prinzipien der Einfachen Sprache. Was sind die drei dringlichsten Verbesserungen?” 4. Erstellen Sie einen Maßnahmenplan: Was kann sofort verbessert werden? Was erfordert mehr Aufwand? 5. Setzen Sie mindestens eine Verbesserung sofort um — z.B. alle Bilder mit Alt-Texten versehen oder einen Abschnitt in Einfache Sprache übersetzen.
Erwartetes Ergebnis: Ein ausgefülltes Barrierefreiheits-Audit-Formular und mindestens eine konkrete Verbesserung am Dokument.
Musterlösung: Häufige Befunde: Berichte verwenden überdurchschnittlich lange Sätze (über 25 Wörter) und viele Fachbegriffe ohne Erklärung. Bilder und Diagramme haben selten Alt-Texte. Formulare sind häufig nicht für Screenreader optimiert. Jede dieser Lücken ist mit KI-Unterstützung verhältnismäßig schnell zu schließen.
Branchen-Vignette — E-Commerce und digitale Dienstleistungen
Ein Online-Händler mit einem Jahresumsatz von 25 Millionen Euro steht mit der BFSG-Einführung am 28. Juni 2025 vor der Pflicht, seine Website barrierefreiheitskonform zu gestalten. Das IT-Team hat die technischen Anforderungen identifiziert — aber die inhaltliche Herausforderung ist erheblich: Hunderte von Produktbeschreibungen ohne Alt-Texte für Produktbilder, keine Untertitel für Produktvideos. Mit KI-Unterstützung wird ein halbautomatisierter Workflow entwickelt: Produktbilder werden durch einen Alt-Text-Generations-Prompt systematisch beschrieben, bestehende Videos werden per Whisper automatisch untertitelt, und besonders komplexe Produktbeschreibungen in Einfache Sprache übersetzt. Das Unternehmen entdeckt dabei, dass die verbesserte Beschreibungsqualität auch die organische Suchmaschinen-Sichtbarkeit um 12 Prozent verbessert: ein unerwarteter Nebennutzen der Barrierefreiheits-Initiative.
Promptbaustein — Dokument-Barrierefreiheits-Analyse und Optimierungsplan
Aufgabe: Analysiere dieses Dokument auf Barrierefreiheit und erstelle einen strukturierten Optimierungsplan.
[Dokument oder Text hier einfügen]
Analyse-Dimensionen:
1. Sprach-Komplexität: „Berechne die durchschnittliche Satzlänge und schätze das Lesbarkeits-Niveau. Welche Sätze überschreiten 20 Wörter und sollten aufgeteilt werden? Welche Fachbegriffe sind ohne Erklärung verwendet?”
2. Struktur und Navigation: „Ist die Überschriften-Hierarchie logisch und vollständig? Gibt es Abschnitte ohne Überschrift? Sind Aufzählungen klar und einheitlich strukturiert?”
3. Alt-Texte: „Welche Bilder, Grafiken oder Tabellen fehlen Beschreibungen? Formuliere einen Alt-Text-Entwurf für jedes fehlende Element.”
4. Einfache-Sprache-Version: „Schreibe die ersten zwei Absätze in Einfacher Sprache um: Sätze max. 12 Wörter, keine Fachbegriffe ohne Erklärung, aktive Verben.”
Ergebnis: Strukturierter Audit-Bericht mit priorisierten Handlungsempfehlungen (sofort / kurzfristig / mittelfristig).
- Haben Sie bereits Situationen erlebt, in denen mangelnde Zugänglichkeit eines Dokuments oder einer Website Probleme verursacht hat — für Sie selbst oder andere?
- Welche Abteilungen in Ihrer Organisation produzieren die meisten barrierefreie-relevanten Dokumente — und haben diese Abteilungen bereits von den neuen gesetzlichen Anforderungen gehört?
- Wie können Sie als Einzelperson zur Barrierefreiheitskultur Ihrer Organisation beitragen — ohne eine formale Zuständigkeit dafür zu haben?
- Stellen Sie sich vor, Sie müssen Ihrer Geschäftsführung erklären, warum Barrierefreiheit ein Wettbewerbsvorteil ist (nicht nur eine Compliance-Pflicht). Was sind Ihre drei stärksten Argumente?
Promptbaustein — Alt-Text und Leichte Sprache erstellen
„Ich habe folgende Inhalte, die ich barrierefreier gestalten möchte:
Aufgabe 1 — Alt-Texte: Schreibe für folgende Bildbeschreibungen präzise Alt-Texte (max. 125 Zeichen), die sowohl für Screenreader als auch für SEO geeignet sind: [Bildbeschreibungen einfügen]
Aufgabe 2 — Leichte Sprache: Übersetze folgenden Text in Leichte Sprache nach den Regeln des Netzwerks Leichte Sprache: - Kurze Sätze (max. 12 Wörter) - Ein Gedanke pro Satz - Aktive Formulierungen, keine Passivkonstruktionen - Keine Abkürzungen, keine Fachbegriffe ohne Erklärung [Text einfügen]
Aufgabe 3 — WCAG-Prüfung: Ich beschreibe dir meine Website-Struktur: [Beschreibung]. Welche WCAG 2.1-Kriterien (Level AA) erfülle ich wahrscheinlich nicht — und was muss ich konkret ändern?”
Praxis-Kurzbeispiel: Barrierefreiheits-Audit bei einer Behörde
Eine mittelgroße Stadtverwaltung muss nach dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) bis 2025 ihre Online-Dienste barrierefrei gestalten. Die IT-Abteilung hat einen Dienstleister für die technische Umsetzung beauftragt — aber niemand hat sich um die inhaltliche Ebene gekümmert: 2.400 PDFs und 380 Webseiten.
Herausforderung: Ein manuelles Audit aller Dokumente wäre mit einem kleinen Team in der verfügbaren Zeit nicht machbar.
KI-gestützter Ansatz:
- Kategorisierung: ChatGPT analysiert Dokumententitel und -zusammenfassungen und priorisiert nach Risiko (hochfrequente Bürger-Dokumente zuerst)
- Alt-Text-Generierung: Für alle Grafiken werden Alt-Text-Entwürfe generiert, die von einem Mitarbeiter validiert werden
- Leichte-Sprache-Übersetzung: Die 50 meistgenutzten Bürger-Informationsblätter werden mit KI in Leichte Sprache übersetzt und von einem externen Leichte-Sprache-Prüfer freigegeben
Ergebnis: - Audit und Priorisierung: 3 Wochen statt 3 Monate - Alt-Text-Erstellung für 800 Grafiken: 4 Arbeitstage statt 8 Wochen - Kosteneinsparung: ca. 40.000 Euro gegenüber vollständiger Vergabe an externe Dienstleister
Lernpunkt: KI beschleunigt den Prozess — aber der menschliche Qualitätscheck durch Betroffene (Menschen mit Behinderungen als Tester) ist nicht ersetzbar.
Quellen & Weiterlesen
| Quelle | Typ | URL |
| BMAS: Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) | Gesetzestext und Erläuterungen | https://www.bmas.de/DE/Service/Gesetze-und-Gesetzesvorhaben/barrierefreiheitsstaerkungsgesetz.html |
| W3C: WCAG 2.1 — Web Content Accessibility Guidelines | Standard | https://www.w3.org/TR/WCAG21/ |
| Netzwerk Leichte Sprache — Regelwerk | Leitfaden | https://www.netzwerk-leichte-sprache.de/fileadmin/content/documents/regeln/Regelwerk_NLS_Neuauflage-2022.pdf |
| OpenAI Whisper — GitHub | Open Source | https://github.com/openai/whisper |
| BITV 2.0 — Barrierefreie IT-Verordnung | Regulatorik | https://www.gesetze-im-internet.de/bitv_2_0/ |
| European Accessibility Act (EAA 2019/882) | EU-Richtlinie | https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX%3A32019L0882 |
Hinweise für AI Champions — So vermitteln Sie das Thema
Timing: 90 Minuten — 20 Min. Input (BFSG, WCAG, Leicht vs. Einfach, Alt-Texte), 30 Min. Übung 1 (Stellenausschreibung), 25 Min. Übung 2 (Alt-Texte), 15 Min. Diskussion und Abschluss.
Methodische Empfehlung: Beginnen Sie mit einem Screenreader-Demo — zeigen Sie, wie ein Screenreader eine Webseite ohne Alt-Texte vorliest (oft eine verwirrende Folge von Dateinamen). Der Effekt ist unmittelbar: Teilnehmende verstehen sofort, warum Alt-Texte wichtig sind. Demo-Tools: NVDA (Windows, kostenlos) oder VoiceOver (Mac, integriert).
Stolpersteine: Teilnehmende verwechseln Leichte Sprache und Einfache Sprache — und denken, KI kann beide vollständig generieren. Stellen Sie klar: Leichte Sprache erfordert menschliche Prüfung durch Betroffene — das ist nicht optional. Zweites Problem: Übung 2 (Alt-Texte) funktioniert nur, wenn Teilnehmende die Diagramme beschreiben können. Bereiten Sie die Diagramme mit einer kurzen schriftlichen Beschreibung vor, falls kein Bild-Upload ins KI-Tool möglich ist.
Diskussionsfragen: „Wie viele Ihrer Unternehmenspräsentationen haben Alt-Texte für die Grafiken? Und wie viele Ihrer Kunden oder Mitarbeitenden nutzen möglicherweise Hilfstechnologien, ohne dass Sie es wissen?”
Tafelbild: BFSG-Zeitstrahl (2019 EAA → 28.06.2025 BFSG). Daneben: Leichte Sprache vs. Einfache Sprache als Tabelle (Zielgruppe, Regelwerk, KI-Eignung). Dazu: WCAG 4 Prinzipien.
Differenzierung: Fortgeschrittene entwickeln eine BFSG-Compliance-Roadmap für ihr wichtigstes digitales Produkt: Analyse, Maßnahmen, Zeitplan, Ressourcen. Einsteigerinnen und Einsteiger fokussieren auf Alt-Texte und den Einfache-Sprache-Prompt.
Materialliste: Drei Diagramme (bereitgestellt, unterschiedliche Typen), Stellenausschreibung für Übung 1 (bereitgestellt, angepasst), optional NVDA-Screenreader für Demo.
Tipp zur Branchenauswahl: Die Verwaltungs-Vignette (Formulare → 22 % weniger Fehler) trifft Teilnehmende aus dem öffentlichen Sektor stark. Die Versicherungs-Vignette (147 Mängel → 12 in sechs Wochen) ist ein konkretes Umsetzungs-Erfolgsbeispiel.
Übergang zu UE 47: „Wir haben in den letzten UEs viele einzelne Werkzeuge kennengelernt. Jetzt integrieren wir alles: Wie sieht ein vollständiger KI-gestützter Arbeitsalltag aus — und welche fünf Routinen bringen den größten Effekt?”
Vertiefung II — Strategische Ebene: Inklusion als systemische Praxis
Inklusion jenseits der Checkliste: Systemische Perspektive
Barrierefreiheit als Checkliste ist ein Start — aber keine nachhaltige Strategie. Systemische Inklusion bedeutet: Barrierefreiheit ist in alle Designentscheidungen von Anfang an integriert, nicht nachträglich als Compliance-Aufgabe angehängt.
Universal Design for Learning (UDL)
Universal Design for Learning (UDL) ist ein pädagogisches Framework, das auch auf Unternehmenskommunikation anwendbar ist: Inhalte werden so gestaltet, dass sie für unterschiedliche Lernstile, Fähigkeiten und Kontexte zugänglich sind. Drei UDL-Prinzipien: (1) Multiple Means of Representation — Inhalte in verschiedenen Formaten anbieten (Text, Audio, Video, Grafik). (2) Multiple Means of Action and Expression — verschiedene Wege anbieten, mit Inhalten zu interagieren. (3) Multiple Means of Engagement — verschiedene Motivation-Zugänge berücksichtigen.
Cognitive Load und Barrierefreiheit
Barrierefreiheit ist nicht nur eine Frage physischer Einschränkungen — Cognitive Load ist eine Form von Barriere, die alle Menschen betrifft. Zu komplexe Texte, überladene Formulare, unklare Navigationspfade erzeugen kognitiven Aufwand, der Entscheidungen, Verständnis und Produktivität reduziert. KI kann bei der Reduktion von Cognitive Load helfen: Vereinfachung von Texten, Zerlegung komplexer Formulare in einfachere Schritte, klarere Strukturierungen.
Inklusive KI-Nutzung: Wer wird ausgeschlossen?
Eine reflexive Frage für die KI-gestützte Barrierefreiheits-Arbeit: KI-Tools selbst können Barrieren sein. Wenn KI-Tool-Nutzung eine hohe digitale Literalität voraussetzt, werden Mitarbeitende mit geringer digitaler Kompetenz ausgeschlossen. Inklusive KI-Einführung bedeutet deshalb auch: KI-Tools zugänglich machen für alle Mitarbeitenden — durch niedrigschwellige Einführungen, einfache Prompt-Templates und kontinuierliche Unterstützung.
Die Inklusions-Rendite: Inklusion als Innovationsquelle
Forschungen zeigen, dass diverse und inklusive Teams nicht nur gerechter, sondern auch innovativer sind. Wenn Barrierefreiheit als Innovationsprojekt statt als Compliance-Aufgabe betrachtet wird, verändert sich die Haltung: Statt zu fragen „Was müssen wir tun?“, fragt man „Was ermöglicht uns das?” Die Barrierefreiheits-Arbeit mit KI ist in diesem Sinne ein Innovations-Katalysator: Sie erschließt neue Zielgruppen, verbessert die Qualität von Kommunikation für alle und trainiert Teams in nutzerzentriertem Denken.
UE 46-E — Erweiterte Praxis: Inklusion als Wettbewerbsstrategie
Vertiefung II — Barrierefreiheit in der Praxis: Von der Pflicht zur Strategie
Die Regulierungs-Perspektive auf Barrierefreiheit ist wichtig, aber begrenzt. Wer Barrierefreiheit nur als Compliance-Aufgabe betrachtet, unterschätzt das strategische Potenzial. Barrierefreiheit als Wettbewerbsstrategie bedeutet: Zugänglichkeit als differenzierendes Merkmal, als Qualitätssignal und als Erschließung bisher ausgeschlossener Kundensegmente.
Die universelle Design-Philosophie
Universal Design ist ein Konzept aus der Architektur und Produktgestaltung: Wenn etwas für die eingeschränkteste Nutzergruppe gut gestaltet ist, ist es für alle besser. Bordsteinabsenkungen helfen Rollstuhlfahrern — und auch Radfahrern, Eltern mit Kinderwagen und Lieferanten mit Trolleys. Untertitel helfen Gehörlosen — und auch Menschen, die in einer lauten Umgebung schauen, oder Menschen, die eine Fremdsprache lernen. KI-gestützte Barrierefreiheit folgt derselben Logik: Was für Nutzer mit Einschränkungen besser gemacht wird, wird für alle besser.
Messung des Barrierefreiheits-Fortschritts
Barrierefreiheit ist ohne Messung nicht steuerbar. Vier Indikatoren für Barrierefreiheits-Fortschritt: (1) Anteil der Dokumente mit vollständigen Alt-Texten (Prozentsatz), (2) Lesbarkeits-Score der wichtigsten externen Kommunikation (z.B. Flesch-Reading-Ease), (3) Anzahl der BFSG-konformen digitalen Produkte vs. Gesamtzahl, (4) Rückmeldungen von Nutzerinnen und Nutzern mit Einschränkungen.
KI-gestützte Barrierefreiheits-Audits
Ein vollständiges Barrierefreiheits-Audit ist aufwendig und erfordert spezialisiertes Wissen. KI kann als erste Prüfschicht dienen — nicht als Ersatz für professionelle Audits, aber als kosteneffiziente Voraberkennung: „Analysiere diesen Webseitentext (aus dem HTML-Quelltext extrahiert) auf WCAG 2.1-Kriterien. Prüfe: (1) Haben alle Bilder Alt-Text-Attribute? (2) Gibt es Farbkontrast-Probleme (auf Basis der CSS-Farbangaben)? (3) Gibt es leere oder generische Link-Texte wie ‘hier klicken’?”
Leichte Sprache als Unternehmensstandard
In einigen Branchen — öffentliche Verwaltung, Gesundheitswesen, Versicherungen — ist Leichte Sprache für bestimmte Dokumente gesetzlich verpflichtend oder eine Selbstverpflichtung im Rahmen von CSR-Strategien. KI kann den Weg zu Leichter Sprache erheblich beschleunigen — nicht durch autonomes Generieren, sondern durch Unterstützung der menschlichen Redakteurinnen und Redakteure: erste Entwürfe liefern, Satzlänge prüfen, Fremdwörter markieren.
Barrierefreiheit im Recruiting
Ein häufig übersehener Bereich: Barrierefreiheit im Recruiting-Prozess. Stellenausschreibungen, Bewerbungsportale, Assessments und Onboarding-Dokumente müssen barrierefrei sein, um Bewerbungen von Menschen mit Einschränkungen zu ermöglichen. KI kann Stellenausschreibungen nicht nur auf inklusive Sprache prüfen (UE 46 Übung 1), sondern auch auf strukturelle Zugänglichkeit: Gibt es implizite Anforderungen, die Menschen mit bestimmten Einschränkungen ausschließen, obwohl diese für die Aufgabe nicht relevant sind?
Technische Barrierefreiheit: Tastaturnavigierbarkeit und strukturierte Dokumente
Jenseits von Alt-Texten und Sprache gibt es technische Barrierefreiheits-Aspekte, die KI allein nicht lösen kann, aber analysieren kann: Tastaturnavigierbarkeit (können alle Funktionen ohne Maus genutzt werden?), strukturierte Überschriften-Hierarchie in Dokumenten (H1 / H2 / H3 korrekt genutzt?), und Dokumentensprache-Attribute (ist die Sprache des Dokuments korrekt deklariert, damit Screenreader die richtige Aussprache nutzen?). Für diese Prüfungen empfehlen sich Tools wie WAVE (wave.webaim.org) oder axe Accessibility Checker als Ergänzung zu KI-Analysen.
Quelle: KI-Wissensbasis von MindsMachines, Edition Juni 2026. Vollständige Fassung mit Anhängen und Musterlösungen: als PDF anfordern.
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