KI-AkademieModul 8 — KI-Strategie und Geschäftsmodell-Innovation

Wissensbasis · UE 85 von 120

Methoden der Prozessaufnahme (Value Stream, SIPOC)

Modul 8 — KI-Strategie und Geschäftsmodell-Innovation ca. 28 Min. Lesezeit

Lernziele

Sie können einen Geschäftsprozess mit der SIPOC-Methode strukturiert in fünf Dimensionen (Supplier, Input, Process, Output, Customer) beschreiben und das Ergebnis als Kommunikationsdokument einsetzen.

Sie erklären das Grundprinzip der Value Stream Map, unterscheiden wertschöpfende von nicht-wertschöpfenden Aktivitäten und identifizieren typische Verschwendungsarten im beruflichen Kontext.

Sie skizzieren für einen vertrauten Prozess aus Ihrer Organisation eine Current-State-Map und leiten daraus mindestens zwei Ansatzpunkte für KI-Unterstützung ab.

Sie begründen, warum Prozessaufnahme zwingend vor der KI-Implementierung stehen muss, und benennen typische Fehler, die ohne diesen Schritt entstehen.

Sie wählen für eine digitale Zusammenarbeit geeignete Kollaborationstools (Miro, Microsoft Whiteboard) für die Durchführung von Remote-Prozess-Mapping-Sessions aus.

Auf einen Blick

Dauer45 Min
MethodikInput + Methodenübung (Gruppenarbeit / Whiteboard)
VorwissenGrundkenntnisse über KI-Automatisierungsparadigmen (UE 73–75 empfohlen)
AI-Act-KompetenzGrundverständnis / Anwendungskompetenz
QuerverweiseUE 73–75 (Voraussetzung: KI-Automatisierungsparadigmen), UE 86 (Vertiefung: Potenzialmatrix), UE 87 (Anwendung: Use-Case-Canvas)

Worum geht es? — Der didaktische Einstieg

Stellen Sie sich vor, ein Team in einer Organisation beschließt, die Angebotserstellung mit einem KI-Assistenten zu beschleunigen. Das Werkzeug wird konfiguriert, die Systemanweisung formuliert, die Testphase beginnt — und nach drei Wochen stellt sich heraus: Der Assistent liefert zwar schneller Text, aber die zugrundeliegenden Informationen müssen immer noch mühsam aus vier verschiedenen Systemen manuell zusammengesucht werden. Der Assistent hat einen kaputten Prozess nur kaputt-aber-schneller gemacht.

Dieses Szenario beschreibt den verbreitetsten Fehler bei KI-Projekten: die voreilige Automatisierung, bevor der Prozess selbst verstanden und bereinigt ist. Das Sprichwort, das in der Lean-Welt seit Jahrzehnten gilt, trifft im KI-Kontext mit noch größerer Wucht: „Garbage in, garbage out.” Eine KI, die einen schlecht strukturierten Prozess ausführt, macht schlechte Arbeit — nur schneller.

Diese UE legt das Fundament für das gesamte Modul 8. Bevor Sie in UE 86 Prozesse nach KI-Potenzial bewerten, müssen Sie diese Prozesse überhaupt erst sauber beschreiben können. Die SIPOC-Methode und die Value Stream Map sind zwei bewährte Werkzeuge, die genau das leisten: Sie schaffen eine gemeinsame Sprache, machen Schwachstellen sichtbar und zeigen, wo KI tatsächlich einen Unterschied machen kann — und wo nicht.

Die Fähigkeit zur strukturierten Prozessaufnahme ist zugleich eine Kernkompetenz des Change Managements: Wer einen Prozess klar beschreiben kann, gewinnt Glaubwürdigkeit bei Kolleginnen und Kollegen sowie bei der Führungsebene. Ein Whiteboard voller Haftnotizen, das den Ist-Zustand eines Prozesses zeigt, erzeugt oft mehr Einsicht als jede Präsentation über KI-Möglichkeiten.

Lerntext — Theorie und Konzepte

Warum Prozessaufnahme vor KI kommen muss

Jedes KI-Projekt beginnt mit einer Frage: Welchen Prozess soll die KI unterstützen oder automatisieren? Aber diese Frage hat eine unsichtbare Vorgängerfrage: Ist der Prozess überhaupt so beschaffen, dass eine KI daran ansetzen kann?

Die Praxis zeigt regelmäßig drei Muster bei Unternehmen, die KI ohne Prozessaufnahme einführen. Erstens: Der Prozess existiert nur im Kopf einzelner Mitarbeitender. Wenn diese Person das Unternehmen verlässt, ist das Prozesswissen weg — und die KI-Konfiguration muss von vorne beginnen. Zweitens: Der Prozess enthält Redundanzen und unnötige Schritte, die niemand hinterfragt hat, weil „es immer so gemacht wurde”. Die KI übernimmt diese Ineffizienzen und macht sie dauerhaft. Drittens: Der Prozess ist nicht ausreichend regelbasiert, um automatisiert werden zu können — ein zentrales Bewertungskriterium der KI-Potenzialmatrix in UE 86.

Prozessaufnahme ist also kein bürokratisches Vorprojekt, sondern eine strategische Investition: Sie verhindert, dass Ressourcen in die Automatisierung von Prozessen fließen, die vorher optimiert oder vollständig abgeschafft werden sollten.

Historisch betrachtet entstammt diese Erkenntnis der Qualitätsmanagement-Bewegung der 1980er und 1990er Jahre. W. Edwards Deming, einer der Väter des Total Quality Management, formulierte es prägnant: „If you can’t describe what you are doing as a process, you don’t know what you’re doing.” Diese Maxime gilt für KI-Projekte in besonderem Maße.

Merksatz

Prozessaufnahme ist keine Bürokratie — sie ist der Filter, der schlechte KI-Investitionen verhindert. Wer automatisiert, ohne zu verstehen, verschnellert das Chaos.

Das SIPOC-Diagramm — Struktur und Anwendung

SIPOC steht für Supplier, Input, Process, Output, Customer. Das Framework stammt ursprünglich aus dem Six-Sigma-Methodenset und hat sich als universelles Erstkommunikationswerkzeug für Prozesse bewährt — weil es auf eine einzige Seite passt und in einem 20-bis-30-minütigen Workshop ausgefüllt werden kann.

Die fünf Dimensionen im Detail:

Supplier (Lieferanten): Wer liefert die Inputs, die den Prozess am Laufen halten? Dabei sind sowohl interne Quellen (andere Abteilungen, Systeme) als auch externe Quellen (Kunden, Partnerunternehmen, Behörden) gemeint. Typische Beispiele: Kunden liefern das Briefing-Dokument, das CRM-System liefert die Kundenstammdaten, die IT-Infrastruktur liefert die Zugangsdaten für Projektumgebungen.

Input (Eingaben): Was konkret kommt in den Prozess hinein? Dokumente, Datensätze, Freigaben, Informationen, physische Materialien. In Wissensarbeit-Kontexten sind das häufig: E-Mail-Briefings, Angebotsanfragen als PDF, Stundenzettel in Excel, Kundenfeedback als Freitext.

Process (Prozessschritte): Die fünf bis sieben wesentlichen Schritte des Prozesses — nicht die Detailschritte, sondern die Hauptphasen. Bei der Angebotserstellung etwa: (1) Kundenanforderungen klären, (2) Lösung intern skizzieren, (3) Ressourcenverfügbarkeit prüfen, (4) Angebot formulieren, (5) intern reviewen, (6) an Kunden senden.

Output (Ergebnisse): Was verlässt den Prozess am Ende? Welches Dokument, welche Entscheidung, welche Aktion wird ausgelöst? Qualitätskriterien für den Output sollten explizit genannt werden — was macht einen guten Output aus?

Customer (Empfänger): Wer empfängt den Output? Interne Weiterverarbeitende (z. B. Projektleitung erhält den freigegebenen Projektplan) oder externe Kunden. Wichtig: Der Customer definiert, was „gut genug” für den Output ist.

Ein häufiger Fehler beim Ausfüllen eines SIPOC: Die befüllende Person beginnt mit Supplier und Input — und verliert sich in Details. Die empfohlene Reihenfolge lautet: Process zuerst, dann Output, dann Customer, dann Input, dann Supplier. Dieser Ansatz von innen nach außen stellt sicher, dass der Prozess selbst klar ist, bevor die Randbedingungen beschrieben werden.

Diagramm aus der KI-Wissensbasis

Abb. 85.1 — SIPOC-Diagramm für einen exemplarischen Angebotserstellungsprozess

Value Stream Map — den Wertfluss sehen

Die Value Stream Map (VSM) geht einen Schritt weiter als SIPOC. Während SIPOC den Prozess beschreibt, bewertet die VSM jeden Schritt nach dem Kriterium: Ist diese Aktivität wertschöpfend oder nicht?

Das Konzept stammt aus dem Toyota Production System und wurde von James Womack und Daniel Jones in „Lean Thinking” (1996) populär gemacht. Die Kernfrage lautet: Würde ein Kunde, wenn er den vollen Prozess sehen könnte, bereit sein, für jeden einzelnen Schritt zu bezahlen?

Wertschöpfende Aktivitäten (Value-Added): Schritte, die den Output direkt verändern oder verbessern und für die der Kunde zahlen würde. Bei der Angebotserstellung: das Formulieren der technischen Lösung, die Ressourcenkalkulation.

Nicht-wertschöpfende Aktivitäten (Non-Value-Added / Waste): Schritte, die Zeit und Ressourcen kosten, aber keinen direkten Mehrwert für den Kunden erzeugen. Klassische Kategorien in der Wissensarbeit: - Wartezeit: Angebot liegt drei Tage in der Queue, weil eine Führungskraft für die Freigabe nicht erreichbar ist. - Informationsbrüche: Kundendaten müssen manuell aus dem CRM ins Angebot kopiert werden. - Redundante Prüfungen: Drei Personen lesen dasselbe Dokument, ohne klare Zuständigkeit. - Systemwechsel: Informationen werden zwischen sieben verschiedenen Tools hin- und herkopiert.

Current State Map (Ist-Zustand): Der erste Schritt jeder VSM-Übung. Zeichnen Sie den Prozess exakt so, wie er heute abläuft — ohne Wertung, ohne Beschönigung. Fügen Sie Zeitangaben hinzu: Wie lange dauert jeder Schritt? Wie lange sind die Wartezeiten dazwischen? Häufig stellt sich heraus, dass die eigentliche Wertschöpfungszeit nur 10–20 % der Gesamtdurchlaufzeit ausmacht.

Future State Map (Soll-Zustand): Wo würden KI-Automatisierungen oder Prozessoptimierungen ansetzen? Welche Wartezeiten fallen weg? Welche Informationsbrüche werden durch automatische Datenweitergabe eliminiert? Die Future State Map ist der erste Entwurf einer KI-Roadmap auf Prozessebene.

Merksatz

Die Wertschöpfungsquote (Value-Added-Zeit / Gesamtdurchlaufzeit) liegt in der Wissensarbeit typischerweise zwischen 10 und 30 %. Jeder Prozentsatz unterhalb von 30 % ist ein Signal für Automatisierungspotenzial — wenn der Prozess regelbasiert genug ist.

Digitale Tools für Remote-Prozess-Mapping

Prozess-Mapping in Präsenz funktioniert hervorragend mit Haftnotizen und einem großen Whiteboard. Im hybriden oder vollständig digitalen Arbeitsumfeld brauchen Sie digitale Pendants:

Miro bietet fertige SIPOC- und VSM-Templates, die kollaborativ in Echtzeit bearbeitet werden können. Microsoft Whiteboard ist für Organisationen mit Microsoft-365-Lizenz direkt zugänglich und erfordert keine zusätzliche Lizenz. Lucidchart bietet die ausgefeilteste Diagramm-Unterstützung für formale VSM-Notation.

Vertiefung — Sieben Verschwendungsarten nach Ohno und ihre KI-Pendants

Taiichi Ohno, der Begründer des Toyota Production System, definierte sieben Arten von Verschwendung (Muda), die heute als universelles Framework für Prozessoptimierung gelten. Im Wissensarbeit- und KI-Kontext sind diese sieben Kategorien ein präzises Diagnostikwerkzeug:

1. Überproduktion (Overproduction): Mehr produzieren als nötig. Im Wissensarbeit-Kontext: Berichte erstellen, die niemand liest; Meeting-Protokolle in zehnfacher Ausführlichkeit; Angebote, die standardmäßig zehn Seiten umfassen, obwohl der Kunde fünf benötigt. KI-Ansatz: Bedarfsgerechte Generierung statt standardisierter Massenproduktion.

2. Wartezeit (Waiting): Verzögerungen, weil ein Schritt auf einen anderen warten muss. Besonders häufig: Warten auf Freigaben, Warten auf Kundenantworten, Warten auf Informationen aus anderen Abteilungen. KI-Ansatz: Automatische Erinnerungen, vorbereitete Informationspakete, beschleunigte Informationsbeschaffung.

3. Transport (Transport): Unnötige Bewegung von Informationen zwischen Systemen. Im Büro: E-Mail-Anhang per Hand in das CRM-System übertragen, Projektstatus aus Word in ein Reporting-Dashboard kopieren. KI-Ansatz: Automatische Datenweitergabe zwischen Systemen über API-Integrationen.

4. Überbearbeitung (Over-processing): Mehr Qualität liefern als der Prozess erfordert. Beispiel: Jede E-Mail an einen Kunden durch drei Instanzen prüfen lassen, obwohl sie eine Routineantwort ist. KI-Ansatz: Intelligente Unterscheidung zwischen routineartigen und kritischen Vorgängen.

5. Bestände (Inventory): Aufgestapelte, unbearbeitete Aufgaben. Im Wissensarbeit-Kontext: hunderte ungelesene E-Mails, nicht klassifizierte Dokumente in Download-Ordnern, offene Tickets im Helpdesk. KI-Ansatz: Automatische Klassifikation, Priorisierung und Routing von eingehenden Anfragen.

6. Bewegung (Motion): Unnötige Handlungen ohne Wert. Beispiel: Zwischen sechs Tabs wechseln, um eine einzige Antwort zu schreiben; mehrfach in verschiedenen Systemen nach derselben Information suchen. KI-Ansatz: Konsolidierte Informationszugänge, intelligente Suche, kontextbewusste Empfehlungen.

7. Fehler (Defects): Falsch erledigte Arbeit, die Nacharbeit erfordert. Beispiele: falsche Preise, veraltete Kontaktdaten, fehlerhafte Berechnungen in Angeboten. KI-Ansatz: Automatische Prüfungen und Validierungen.

Diese sieben Kategorien helfen bei der Value-Stream-Map-Analyse, nicht wertschöpfende Aktivitäten präzise zu benennen und die richtigen KI-Eingriffspunkte zu identifizieren.

Vertiefung — Prozessaufnahme im Kontext von TOGAF und Enterprise Architecture

Die SIPOC-Methode und Value Stream Map sind operative Werkzeuge für einzelne Prozesse. In größeren Organisationen, die eine systematische Enterprise Architecture (EA) betreiben, sind diese Werkzeuge eingebettet in umfassendere Frameworks wie TOGAF (The Open Group Architecture Framework).

TOGAF unterscheidet vier Architekturdomänen: Business Architecture (Geschäftsprozesse), Data Architecture (Datenflüsse), Application Architecture (Systeme) und Technology Architecture (Infrastruktur). Die Prozessaufnahme mit SIPOC adressiert die Business Architecture — sie ist der erste Schritt, bevor Data und Application Architecture für einen KI-Use-Case beschrieben werden können.

Für Organisationen ohne formale EA-Praxis ist dieser Kontext dennoch relevant: Jedes SIPOC-Diagramm enthält implizit Informationen über Datenbewegungen (Input/Output), Systemgrenzen (welche Tools liefern die Inputs?) und Schnittstellen zu anderen Prozessen. Wer diese Informationen beim SIPOC-Ausfüllen explizit macht, spart im späteren Canvas-Prozess (UE 87) erheblich Zeit.

Praktische Erweiterung: Fügen Sie Ihrem SIPOC eine sechste Spalte hinzu: Systemunterstützung” — welche Software wird in jedem Prozessschritt eingesetzt? Diese einfache Erweiterung transformiert das SIPOC in ein vollständiges Prozess-System-Mapping und macht Integrationsanforderungen für KI-Lösungen sofort sichtbar.

Vertiefung — Canvas-Feld 5: Datenbasis und Datenverantwortung

Das fünfte Feld des Use-Case-Canvas — Benoetigte Datenbasis — ist dasjenige, das in der Praxis am häufigsten unterschätzt wird. Organisationen scheitern nicht an mangelnder KI-Technologie, sondern an unvollständigen, inkonsistenten oder datenschutzrechtlich problematischen Datenbasisn.

Für eine präzise Datenbasis-Beschreibung in Feld 5 empfiehlt sich die sogenannte Daten-3A-Methode:

Verfügbarkeit (Availability): Existieren die benötigten Daten überhaupt? In welchem System liegen sie? Sind sie für das KI-Projekt zugänglich — oder benötigt es IT-Aufwand, API-Schnittstellen oder Exportprozesse, um Zugang zu erhalten?

Angemessenheit (Adequacy): Sind die Daten in ausreichender Menge und Qualität vorhanden? Für einen einfachen RAG-basierten Assistenten genügen oft 50–100 gut strukturierte Dokumente. Für ein Klassifikationsmodell werden Hunderte bis Tausende annotierter Beispiele benoetigt. Ein Canvas ohne Angabe zur Datenmenge ist kein vollständiges Canvas.

Autorisierung (Authorization): Dürfen die Daten für diesen Use Case verwendet werden? Das betrifft sowohl Datenschutz (personenbezogene Daten, Einwilligungen) als auch interne Zugriffsrechte (Wer darf das Dokument sehen?) und vertragliche Verpflichtungen (Können Kundendaten in eine KI-Anwendung eingespeist werden?).

Praxisregel: Canvas-Feld 5 sollte nicht mit “CRM-Daten” ausgefüllt werden, sondern mit: “CRM-Kundendaten (Kontakthistorie 2022–2024, ca. 12.000 Eintraege), Availability: hoch (CSV-Export möglich), Adequacy: mittel (fehlende Felder bei 18 % der Eintraege), Authorization: Datenschutzpruefung ausstehend (DSGVO-Check erforderlich).”

Branchen-Anwendungen

IT-Dienstleistung & Beratung

In einem IT-Beratungshaus mit Projektgeschäft sind SIPOC und Value Stream Map besonders wertvoll für drei Kernprozesse: Neue Kundenanfragen bearbeiten, Angebote erstellen und Projekte nach Abschluss übergeben. Bei der Erstanfrage-Bearbeitung deckt ein SIPOC-Workshop regelmäßig auf, dass die Anfrage im allgemeinen Posteingang landet, manuell weitergeleitet wird, der zuständige Berater Kundendaten ins CRM einträgt und ein Terminvorschlag per E-Mail kommuniziert wird — anstatt automatisch aus dem Kalender-Tool generiert zu werden. Eine VSM dieses Prozesses zeigt häufig Wertschöpfungsquoten unter 25 %. Der entscheidende KI-Eingriffspunkt liegt bei den Informationsbrüchen zwischen Systemen: Ein automatischer Datenabgleich zwischen E-Mail-Eingang, CRM und Terminbuchung eliminiert die wichtigste Nicht-wertschöpfende Aktivität und reduziert die Durchlaufzeit von Stunden auf Minuten. Für den Angebotsprozess zeigt die VSM typischerweise, dass nur 40 % der Gesamtzeit auf die eigentliche Formulierungsarbeit entfällt. Die restliche Zeit wird für Informationsbeschaffung aus verteilten Systemen aufgewendet — ein klassischer Fall für einen RAG-basierten Assistenten.

Industrie & Fertigung

In Produktionsunternehmen liegt der Fokus der Prozessaufnahme auf Wartungsprozessen, Qualitätssicherung und Produktionsdokumentation. Ein SIPOC für den Wartungsauftrag-Prozess deckt auf, dass Maschinenmeldungen in einem System erfasst werden, die Wartungsanleitung in einem anderen liegt und die Ersatzteilbestellung in einem dritten stattfindet — drei Systemwechsel für einen Routinevorgang. Die VSM zeigt typischerweise 60–70 % Wartezeit im Prozess: Warten auf die Verfügbarkeit des Wartungstechnikers, Warten auf die Lieferung des Ersatzteils, Warten auf die Qualitätsfreigabe nach der Reparatur. KI-Ansatz: Ein Predictive-Maintenance-System reduziert Wartezeit durch vorausschauende Wartungsplanung; ein RAG-System macht Wartungsanleitungen per Sprachsuche direkt am Gerät zugänglich. Für die Qualitätssicherung (Endkontrolle in der Fertigung) zeigt die VSM häufig redundante Prüfungsschritte, bei denen dasselbe Bauteil von drei verschiedenen Stellen geprüft wird. KI-gestützte Bilderkennungssysteme können Routineprüfungen automatisieren und manuelle Kapazitäten für komplexe Ausnahmen freisetzen.

Finanzdienstleistung & Versicherung

In Banken und Versicherungen sind Compliance-relevante Prozesse besonders dokumentationspflichtig und gleichzeitig oft mit hohen Nicht-Wertschöpfungsanteilen belastet. Ein SIPOC für die Kreditantragsbearbeitung zeigt typischerweise: Der Antrag kommt über mehrere Kanäle (Online-Formular, Filiale, Berater), wird manuell in ein zentrales System übertragen, durchläuft dann eine mehrstufige Bonitätsprüfung und landet schließlich bei einem Kreditanalyst für die Entscheidung. Die VSM offenbart, dass die eigentliche Kreditbewertung (wertschöpfend) nur einen Bruchteil der Gesamtdurchlaufzeit ausmacht — der Rest sind administrative Übergaben und Wartezeiten. KI-Ansatz: Automatische Datenaggregation aus verschiedenen Eingabekanälen eliminiert manuelle Übertragungsschritte; ein Vorab-Scoring-System filtert Standardfälle heraus, die ohne aufwändige Analyse entschieden werden können. Für die Vertragsbearbeitung in Versicherungen zeigt die Prozessaufnahme häufig Konsistenzprobleme: Dieselbe Schadenmeldung wird in verschiedenen Systemen unterschiedlich kategorisiert. Diese Inkonsistenz ist für KI-Systeme gefährlich — die Prozessaufnahme macht sie sichtbar, bevor sie in ein KI-Modell eingebettet wird.

Öffentliche Verwaltung

In Behörden und Kommunen liegt die größte Herausforderung bei der Prozessaufnahme in der Komplexität von Rechtsnormen, die jeden Prozessschritt regulieren. Ein SIPOC für die Baugenehmigung zeigt, wie viele verschiedene Abteilungen (Stadtplanung, Umweltschutz, Brandschutz, Verkehrsbehörde) als Supplier unterschiedliche Inputs liefern, die alle für die finale Genehmigungsentscheidung notwendig sind. Die VSM offenbart, dass Wartezeit zwischen Abteilungen mit Abstand die größte Nicht-Wertschöpfungskomponente darstellt — oft 70–80 % der Gesamtdurchlaufzeit. KI-Ansatz: Intelligente Weiterleitung von Antragsunterlagen an die jeweils zuständige Stelle reduziert Wartezeit; ein Dokumenten-Vollständigkeitsprüfer stellt sicher, dass unvollständige Anträge direkt zurückgemeldet werden, bevor sie den aufwändigen Prüfprozess starten. Für Bürgeranfragen zeigt die Prozessaufnahme häufig, dass dieselbe Frage von verschiedenen Mitarbeitenden unterschiedlich beantwortet wird — ein Konsistenzproblem, das mit einer strukturierten Wissensdatenbank behoben werden kann.

Gesundheitswesen & Pharma

In Krankenhäusern und pharmazeutischen Unternehmen verbindet die Prozessaufnahme operative Effizienz mit regulatorischen Anforderungen. Ein SIPOC für den Aufnahmeprozess eines Krankenhauses (Patient betritt die Notaufnahme bis zur Zuweisung in ein Bett) zeigt typischerweise: Sieben bis elf Handlungsträger als Supplier (Rettungsdienst, Empfang, Triage-Pflegekraft, Aufnahmearzt, Radiologie, Labor, Stationsassistenz), eine Vielzahl von Inputs (Notfallpass, Versicherungskarte, Befunde), und eine Kette von Prozessschritten mit expliziten Wartezeiten zwischen Subsystemen. Die Value Stream Map zeigt häufig, dass die eigentliche medizinische Behandlung nur 20–30 % der Gesamtzeit ausmacht — der Rest sind administrative Übergaben, Wartezeiten auf Befunde und Dokumentationsschritte. KI-Eingriffspunkte: Automatische Erfassung von Patientendaten aus dem Rettungsdienst-System, KI-gestützte Triage-Unterstützung (keine autonome Entscheidung, sondern Priorisierungsvorschlag), automatisierte Bettenbelegungsplanung auf Basis von Aufnahmeprognosen. Besondere Compliance-Anforderung: Alle KI-Systeme im klinischen Kontext sind potenzielle Hochrisiko-KI-Systeme nach EU AI Act (Art. 6, Anhang III Abs. 5) und unterliegen erhöhten Anforderungen an Validierung, Dokumentation und menschliche Aufsicht.

Übung 1 — SIPOC für einen Onboarding-Prozess

Übung 1 — SIPOC für einen Onboarding-Prozess

Aufgabe: Erstellen Sie einen vollständigen SIPOC für den Prozess „Neues Teammitglied onboarden” — von der Unterschrift des Arbeitsvertrags bis zum ersten vollständig produktiven Arbeitstag (ca. 4 Wochen).

Material: Blanko-SIPOC-Vorlage (5-spaltige Tabelle, A3 oder digital in Miro), Zugang zu einem Kollaborationstool Ihrer Wahl.

Schritt-für-Schritt: 1. Öffnen Sie die SIPOC-Vorlage und beschriften Sie die fünf Spalten: Supplier | Input | Process | Output | Customer. 2. Starten Sie mit der Process-Spalte — identifizieren Sie die fünf bis sieben Hauptphasen des Onboardings (z. B. Vertragsunterlagen, Hardware-Bereitstellung, Systemzugänge, Einarbeitung, Erstprojekt-Zuweisung). 3. Gehen Sie zu Output: Was ist das Ergebnis jedes Schritts? Was verlässt den Prozess am Ende? 4. Füllen Sie Customer aus: Wer empfängt die Outputs? 5. Gehen Sie zu Input: Was braucht jeder Prozessschritt als Eingang? 6. Schließen Sie mit Supplier ab: Wer oder was liefert diese Inputs? 7. Markieren Sie mit einem roten Punkt alle Felder, bei denen Sie unsicher sind oder bei denen Informationen fehlen. 8. Identifizieren Sie mindestens zwei Übergaben, bei denen Wartezeiten entstehen oder Informationen manuell übertragen werden müssen.

Erwartetes Ergebnis: Ein ausgefüllter SIPOC mit allen fünf Spalten, mindestens fünf Prozessschritten, und einer expliziten Markierung von zwei Schwachstellen.

Musterlösung:

SupplierInputProcessOutputCustomer
HR, GeschäftsleitungUnterzeichneter Vertrag1. Vertragsunterlagen prüfenVollständige PersonalakteHR, Buchhaltung
IT-AbteilungHardware-Bestellung, Zugangsdaten-Antrag2. Hardware bereitstellenLaptop + Headset konfiguriertneue/r MA
IT, SicherheitsbeauftragterIT-Sicherheitsrichtlinien, Systemzugangsantrag3. Systemzugänge einrichtenZugänge für CRM, Projektmgmt., E-Mailneue/r MA, Teamleitung
Teamleitung, Senior-KolleginEinarbeitungsplan, interne Handbücher4. Fachliche EinarbeitungKompetenzprofil, erste Self-Assessmentsneue/r MA, Teamleitung
ProjektleitungProjektsteckbrief, Kundenbriefing5. Erstes Projekt zuweisenProjektauftrag, erste Arbeitspaketeneue/r MA, Team

Schwachstellen (typisch): Schritt 2 → 3: Hardware muss physisch ausgehändigt werden, bevor Systemzugänge eingerichtet werden können — oft 1–3 Tage Wartezeit. Schritt 3 → 4: Interne Handbücher liegen in SharePoint, aber kein strukturierter Einstiegspfad existiert — neue Mitarbeitende wissen nicht, womit sie beginnen sollen.

KI-Anknüpfungspunkt: Ein RAG-basierter Onboarding-Assistent könnte die Handbücher und internen Dokumente durchsuchbar machen und neue Mitarbeitende Schritt für Schritt durch ihre ersten Wochen führen.

Übung 2 — Value Stream Map: Wertschöpfung messen

Übung 2 — Value Stream Map: Wertschöpfung messen

Aufgabe: Wählen Sie einen Prozess aus Ihrem direkten Arbeitsalltag (nicht den aus Übung 1). Erstellen Sie eine vereinfachte Current-State-Map mit Zeitangaben und berechnen Sie die Wertschöpfungsquote.

Material: Papier oder digitales Whiteboard. Stoppuhr oder eigene Schätzwerte.

Schritt-für-Schritt: 1. Wählen Sie einen Prozess, den Sie regelmäßig ausführen (z. B. Kundenstatus-Bericht erstellen, Angebot für ein kleines Projekt vorbereiten, Meeting-Protokoll verfassen und verteilen). 2. Zeichnen Sie jeden Schritt als Box. Tragen Sie darunter die Bearbeitungszeit ein (in Minuten). 3. Zeichnen Sie zwischen den Boxen die Wartezeiten (z. B. „warte auf Kundenfeedback: 2 Tage”). 4. Klassifizieren Sie jeden Schritt: VA (Value Added), NVA-notwendig (nicht wertschöpfend, aber unvermeidbar), NVA-Verschwendung (nicht wertschöpfend und vermeidbar). 5. Berechnen Sie die Wertschöpfungsquote: Summe VA-Zeit / Gesamtdurchlaufzeit × 100 %. 6. Skizzieren Sie eine Future-State-Map: Welche NVA-Verschwendungs-Schritte könnten durch KI-Automatisierung eliminiert oder reduziert werden?

Erwartetes Ergebnis: Eine Current-State-Map mit mindestens fünf Schritten, Zeitangaben, Klassifizierung, berechneter Wertschöpfungsquote und einer Future-State-Map mit mindestens einem KI-Eingriffspunkt.

Musterlösung — Prozess: Kundenstatus-Bericht erstellen:

Current State: (1) Projektdaten aus Projektmanagement-Tool abrufen: 15 Min VA. (2) Stundennachweise aus Excel zusammenführen: 25 Min NVA-Verschwendung. (3) Risikostatus aus E-Mails zusammensuchen: 20 Min NVA-Verschwendung. (4) Bericht in Word-Vorlage eintippen: 30 Min VA. (5) Intern reviewen: 15 Min NVA-notwendig. (6) An Kunden senden: 5 Min VA. Wartezeit auf Review: 1 Tag.

Gesamtdurchlaufzeit: ca. 1,5 Tage. Reine Bearbeitungszeit: 110 Min. VA-Zeit: 50 Min. Wertschöpfungsquote: 50/110 = 45 %.

Future State mit KI: Schritte 2 und 3 werden durch automatischen Datenabruf (z. B. n8n-Workflow) auf je 2 Minuten reduziert. Schritt 4 wird durch einen KI-Assistenten auf 10 Min reduziert (Entwurf generieren, redigieren). Neue VA-Quote: 50/(50 + 4 + 10 + 15 + 5) = 59 %. Zeitersparnis: 41 Minuten pro Bericht.

Cheatsheet — Die wichtigsten Punkte

Reihenfolge: Erst Prozess verstehen, dann automatisieren — nie umgekehrt

SIPOC-Reihenfolge: Mit Process beginnen, dann Output, Customer, Input, Supplier

VSM-Kernfrage: Würde der Kunde für diesen Schritt bezahlen?

Wertschöpfungsquote: Unter 30 % ist ein Warnsignal für systemische Ineffizienz

Sweetspot für KI: Schritte mit hoher Wiederholung + geringer Varianz + klarer Regelstruktur

SIPOC-Tiefe: 5–7 Hauptschritte — kein Detailflussdiagramm

Current-State-Ehrlichkeit: Den Ist-Zustand ohne Beschönigung aufnehmen

Digitale Tools: Miro, Microsoft Whiteboard, Lucidchart für Remote-Workshops

Stakeholder einbeziehen: SIPOC immer mit den Prozessbeteiligten erarbeiten, nicht allein

Sieben Verschwendungsarten: Überproduktion, Wartezeit, Transport, Überbearbeitung, Bestände, Bewegung, Fehler

Prompt-Vorlage — SIPOC-Aufnahme mit KI-Unterstuetzung

Prompt für einen KI-Assistenten:

“Ich möchte einen Prozess mit der SIPOC-Methode dokumentieren. Der Prozess lautet: [Prozessname, z. B. Angebotserstellung]. Die wesentlichen Prozessschritte sind: [Schritte auflisten]. Hilf mir, alle fünf SIPOC-Felder (Supplier, Input, Process, Output, Customer) vollständig auszufüllen. Identifizieren Sie außerdem zwei typische Schwachstellen (Wartezeiten oder Informationsbrüche) und benenne für jede Schwachstelle einen konkreten KI-Automatisierungsansatz.”

Erwartetes Ergebnis: Ein vollständiges SIPOC-Diagramm mit fünf Spalten, einer Schwachstellenanalyse und zwei KI-Eingriffspunkten — direkt einsetzbar als Grundlage für einen internen Workshop.

Hinweis: Ersetzen Sie die Platzhalter in eckigen Klammern durch Ihre konkreten Prozessinformationen. Das SIPOC sollte gemeinsam mit den Prozessbeteiligten validiert werden, nicht ausschließlich durch Eigeneinschätzung.

Reflexionsfragen

Welcher Prozess in Ihrem Arbeitsalltag würde von einer SIPOC-Aufnahme am meisten profitieren — und warum wurde dieser Prozess noch nie formal dokumentiert?

Wie hoch schätzen Sie die Wertschöpfungsquote des letzten Prozesses, an dem Sie aktiv beteiligt waren? Was hat Sie bei dieser Schätzung überrascht?

Welche der sieben Verschwendungsarten ist in Ihrem Bereich am häufigsten anzutreffen?

Wie stellen Sie sicher, dass eine SIPOC-Aufnahme nicht zur Bürokratie-Übung wird, sondern zu echten Verbesserungen führt?

Welche Widerstaende erwarten Sie, wenn Sie in Ihrem Team einen Value-Stream-Map-Workshop vorschlagen?

Wie können Sie den SIPOC-Prozess so gestalten, dass er Mitarbeitende einbezieht und nicht als Kontroll- oder Rationalisierungsinstrument wahrgenommen wird?

Welche der Sieben Verschwendungsarten nach Ohno koennte in Ihrem Bereich den groessten unmittelbaren ROI bei Beseitigung erzeugen — und warum?

Quellen & Weiterlesen

QuelleTypURL
Lean Enterprise Institute — Einführung in Value Stream MappingFachpublikationhttps://www.lean.org/the-lean-post/articles/a-brief-history-of-lean/
iSixSigma — SIPOC Diagram erklärt mit BeispielenMethoden-Referenzhttps://www.isixsigma.com/methodology/sipoc-diagram/
Miro — SIPOC Template für digitale WorkshopsTool-Dokumentationhttps://miro.com/templates/sipoc-diagram/
BMWK — Prozessoptimierung im Mittelstand (KI-Einsatz)Behördliche Infohttps://www.bmwk.de/Redaktion/DE/Publikationen/Digitale-Welt/ki-strategie.html
Martin Fowler — Rethinking Processes Before AutomationFachbloghttps://martinfowler.com/articles/refactoring-document.html
Ohno, Taiichi — Toyota Production System (Grundlagenwerk)Lehrbuchhttps://www.lean.org/lexicon-terms/toyota-production-system/
DAMA International — Data Management Body of KnowledgeNorm/Standardhttps://www.dama.org/

Vertiefungsabschnitt — Typische Fehler bei der Prozessaufnahme und ihre Konsequenzen für KI-Projekte

Die Praxis zeigt, dass Prozessaufnahmen häufig unter Zeitdruck durchgeführt werden und dabei kritische Qualitätsmängel entstehen, die sich erst später in KI-Projekten als kostspieliger Fehler herausstellen. Nachfolgend die fünf häufigsten Muster:

Fehler 1 — Die Wunschprozess-Falle: Anstatt den Ist-Zustand zu dokumentieren, beschreiben Mitarbeitende den Prozess so, wie er ihrer Meinung nach ablaufen sollte. Das Ergebnis ist ein idealisiertes SIPOC, das mit der gelebten Praxis wenig zu tun hat. Abhilfe: Multiple Perspektiven einbeziehen — Prozessausführende, Prozessempfänger und externe Beobachter (z. B. neue Kolleginnen, die den Prozess noch mit frischen Augen sehen).

Fehler 2 — Granularitäts-Fehler: Das SIPOC enthält entweder 25 Prozessschritte (zu detailliert für ein strategisches Kommunikationsdokument) oder nur zwei (zu abstrakt für eine sinnvolle KI-Analyse). Der Sweet Spot sind fünf bis sieben Hauptphasen, die je ca. 5–15 Minuten Bearbeitungszeit umfassen.

Fehler 3 — Fehlende Zeitangaben: Ein SIPOC ohne Zeitangaben ist für die KI-Potenzialanalyse nur eingeschränkt verwendbar. Ohne zu wissen, welcher Schritt wie lange dauert, lässt sich der ROI einer KI-Automatisierung nicht schätzen.

Fehler 4 — Systemblindheit: Die Prozessbeschreibung nennt Aktivitäten, aber nicht die Systeme, die dabei genutzt werden. Für die spätere KI-Implementierung ist jedoch entscheidend zu wissen, in welchem System die Daten liegen — und ob diese Systeme API-Schnittstellen oder Exportfunktionen für eine KI-Integration bieten.

Fehler 5 — Einzelgänger-Aufnahme: Der Prozess wird von einer einzigen Person dokumentiert, die denselben Prozess täglich ausführt und die impliziten Ausnahmen und Sonderfälle nicht mehr bewusst wahrnimmt. Eine Validierung durch mindestens eine weitere Person, die denselben oder einen angrenzenden Prozess kennt, ist methodisch zwingend.

Konsequenz für die KI-Planung: Jeder dieser fünf Fehler führt bei der späteren Potenzialmatrix-Bewertung (UE 86) zu systematischen Verzerrungen — und damit zu falschen Priorisierungsentscheidungen. Eine 30-minütige Qualitätsprüfung des SIPOC durch eine Kollegin spart durchschnittlich mehrere Wochen an fehlgeleiteten Implementierungsaufwänden.

Übung 3 — Systemlandkarte: Welche Systeme unterstützen den Prozess?

Übung 3 — Systemlandkarte erstellen

Aufgabe: Erweitern Sie Ihr SIPOC aus Übung 1 um eine sechste Spalte: „Systemunterstützung” — welches digitale Tool oder System wird in jedem Prozessschritt eingesetzt?

Schritt-für-Schritt: 1. Öffnen Sie Ihr ausgefülltes SIPOC aus Übung 1. 2. Fügen Sie rechts eine sechste Spalte hinzu: „Systemunterstützung”. 3. Tragen Sie für jeden Prozessschritt ein: Welches System, Tool oder welche Datei wird in diesem Schritt genutzt? (z. B. CRM, Excel, E-Mail, SharePoint, Papierformular) 4. Markieren Sie alle Schritte, bei denen kein digitales System genutzt wird (Papier oder mündliche Kommunikation). 5. Markieren Sie alle Schritte, bei denen mehr als ein System genutzt wird — diese Punkte sind häufig die kritischsten Integrations-Engpässe für KI. 6. Bewerten Sie: Haben die genutzten Systeme API-Schnittstellen oder CSV-Exportmöglichkeiten?

Erwartetes Ergebnis: Ein erweitertes SIPOC mit Systemlandkarte, expliziten Systembrüchen und einer ersten Einschätzung der technischen KI-Integrationskomplexität.

Hinweise für AI Champions — So vermitteln Sie das Thema — UE 85

Timing (45 Min): 5 Min Einstieg (Szenario „kaputten Prozess beschleunigen”), 12 Min SIPOC-Lerntext + Demonstration, 8 Min VSM-Lerntext, 15 Min Übung 1 (SIPOC), 5 Min Reflexion in der Gruppe oder allein.

Methodische Empfehlung: Führen Sie den SIPOC in Übung 1 zunächst als Live-Demo für einen bekannten Prozess durch — z. B. „Kaffee kochen im Büro” als harmlos-vertrautes Beispiel, das die Methode sofort verständlich macht. Erst danach starten die Teilnehmenden mit ihren eigenen Prozessen. Diese Sequenz vermeidet die häufige Blockade beim leeren Whiteboard.

Häufige Stolpersteine: (a) Teilnehmende beginnen SIPOC mit „Supplier” statt mit „Process” — Methodenbeschreibung klar betonen. (b) Zu viele Detailschritte im Process-Feld — auf 5–7 Hauptphasen begrenzen. (c) Zeitangaben werden weggelassen — aktiv nachfordern, da sie für die VSM essenziell sind.

Diskussionsfragen für Plenum: (1) „Welcher Prozess in Ihrer Abteilung ist am wenigsten dokumentiert — und warum?” (2) „Was würde Ihr Team als größte Verschwendung benennen, wenn Sie heute einen VSM-Workshop machen würden?”

Tafelbild-Vorschlag: Die sieben Verschwendungsarten mit deutschem und englischem Begriff nebeneinander, dazu je ein konkretes Beispiel aus der Wissensarbeit. Diese Visualisierung bleibt für die gesamte Übungsphase sichtbar.

Differenzierung Power-User ↔ Einsteiger: Power-User erhalten die Zusatzaufgabe, eine Future-State-Map zu skizzieren und konkrete KI-Tool-Kandidaten für die identifizierten Eingriffspunkte zu benennen. Einsteiger konzentrieren sich auf das saubere Ausfüllen des SIPOC.

Materialliste: A3-Vorlagen für SIPOC (ausgedruckt oder digital), farbige Haftnotizen, Stifte, Beamer für Live-Demo, optionaler Miro-Zugang für Remote-Arbeit.

Übergang zur nächsten UE: „Jetzt wissen Sie, wie ein Prozess strukturiert beschrieben wird. In UE 86 bewerten wir diese Prozesse systematisch nach ihrem KI-Potenzial — mit drei messbaren Dimensionen.”

Tipp zur Branchenauswahl: Für IT-Dienstleistungs-Kunden eignet sich die Vignette „IT-Dienstleistung & Beratung” als Hauptbeispiel — insbesondere der Angebotserstellungsprozess. Für Industrie-Kunden ist die Wartungsprozess-Vignette oft besonders anschaulich, weil die Lücke zwischen physischer Realität und digitalem Prozess unmittelbar spürbar ist.

Quelle: KI-Wissensbasis von MindsMachines, Edition Juni 2026. Vollständige Fassung mit Anhängen und Musterlösungen: als PDF anfordern.

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