Lernziele
Sie können die drei Fit-Kriterien (Häufigkeit, Regelbasiertheit, Wert) auf eigene Prozesse anwenden und für jeden Prozess einen dokumentierten Gesamtscore berechnen.
Sie sind in der Lage, die häufigsten Fehlannahmen bei der Prozessauswahl zu benennen und anhand konkreter Beispiele zu korrigieren.
Sie können einen Prozess als geeignet oder ungeeignet für Agenten-Automatisierung klassifizieren und die Entscheidung mit mindestens zwei Kriterien begründen.
Sie kennen die klaren „Nein”-Kriterien (Empathie-intensive Aufgaben, rechtlich abschlusswirksame Entscheidungen, sicherheitskritische Prozesse) und können diese systematisch auf neue Szenarien anwenden.
Sie können die Quick-Win-Heuristiken (Copy-Paste-Test, Wiederkehrende E-Mail-Antworten, Checklisten-Prozesse, Statusabfragen) auf eigene Prozesse anwenden und erste Kandidaten identifizieren.
Sie verstehen, warum Prozessaufnahme vor der Bewertung steht — und kennen typische Überraschungen bei der Prozessaufnahme, die zu Neubewertungen führen.
Sie können erklären, welche Stakeholder bei der Prozessauswahl einbezogen werden müssen und welche Rollen Datenschutzbeauftragte und IT-Sicherheit dabei spielen.
Auf einen Blick
| Dauer | 45 Min |
| Methodik | Input + Scoring-Übung + Gruppenarbeit + individuelle Bewertung |
| Vorwissen | UE 75–79 (Agenten-Paradigmen, Orchestrierung) |
| AI-Act-Kompetenz | Anwendungskompetenz / Risiko-Bewusstsein |
| Querverweise | UE 79 (Architekturmuster für ausgewählte Prozesse), UE 81 (Drei-Stufen-Freigabemodell für bewertete Prozesse), UE 83 (ROI-Berechnung als Folgeschritt nach Prozessauswahl) |
Worum geht es? — Der didaktische Einstieg
„Wir sollten alles automatisieren, was sich automatisieren lässt.” Dieser Satz klingt pragmatisch und zukunftsorientiert. In der Praxis ist er eine der häufigsten Fallen auf dem Weg zur KI-Implementierung. Nicht alles, was technisch automatisierbar ist, sollte automatisiert werden. Und von dem, was inhaltlich sinnvoll automatisiert werden kann, eignen sich manche Prozesse erheblich besser als andere.
Die Kunst liegt in der richtigen Auswahl — und in der Disziplin, diese Auswahl explizit und systematisch zu treffen, statt aus Begeisterung heraus mit dem ersten attraktiv klingenden Prozess zu beginnen.
Ein schlecht ausgewählter Prozess führt zu einem Agenten, der häufig falsch liegt, viel manuelle Korrektur erfordert und letztendlich mehr Arbeit erzeugt als er einspart. Schlimmer noch: Er erzeugt Frustration bei den Nutzenden und schleicht Skepsis gegenüber weiteren KI-Projekten ein — ein Reputationsschaden, der schwer rückgängig zu machen ist. Ein gut ausgewählter Prozess dagegen führt zu einem Agenten, der zuverlässig, schnell und ohne intensive Aufsicht ausgeführt werden kann — und der das Vertrauen der Organisation in KI-Automatisierung Schritt für Schritt aufbaut.
In dieser UE lernen Sie ein dreidimensionales Bewertungsraster kennen, das Ihnen hilft, Prozesse systematisch nach Automatisierungseignung zu bewerten: Häufigkeit, Regelbasiertheit und Wert. Dieses Raster ist die Grundlage für die ROI-Berechnung in UE 83 und für die strategische Automatisierungs-Roadmap. Das Raster ist bewusst einfach gehalten — drei Dimensionen, drei Score-Stufen — weil seine Stärke nicht in der Präzision liegt, sondern in der Disziplin, alle drei Dimensionen explizit zu machen und zu diskutieren, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Implizite Annahmen werden sichtbar; Diskrepanzen zwischen Einschätzungen verschiedener Personen werden produktiv genutzt.
Lerntext — Theorie und Konzepte
Das zentrale Problem der Prozessauswahl
Zwei gegensätzliche Fehler dominieren die Praxis:
Über-Automatisierung: Jede Aufgabe wird reflexartig als Automatisierungskandidat betrachtet. Ergebnis: Ressourcen werden in Automatisierungen investiert, die keinen messbaren Mehrwert liefern — weil der Prozess zu selten vorkommt, zu komplex für kodifizierbare Regeln ist, oder weil die Ausgabe trotzdem intensiver menschlicher Prüfung bedarf und damit der Effizienzgewinn verschwindet. Besonders teuer ist die nachträgliche Erkenntnis, dass ein Prozess doch nicht automatisierbar war — nach drei Monaten Entwicklungszeit.
Unter-Automatisierung: Aus Sorge vor Fehlern, vor Datenschutzproblemen oder vor organisatorischem Widerstand wird nur das Offensichtlichste automatisiert. Erhebliche Effizienzpotenziale bleiben ungenutzt — nicht weil sie technisch nicht realisierbar wären, sondern weil der analytische Rahmen fehlt, um den Nutzen zu quantifizieren und intern zu vertreten.
Das dreidimensionale Bewertungsraster gibt Abhilfe: Es schafft einen gemeinsamen Analyserahmen und damit eine gemeinsame Sprache für das Team. Wenn alle mit denselben drei Kriterien bewerten, werden Entscheidungen nachvollziehbar, vergleichbar und diskutierbar — auch gegenüber Stakeholdern, die noch kein tiefes KI-Verständnis haben.
Die drei Fit-Kriterien
Kriterium 1: Häufigkeit
Wie oft wird die Aufgabe ausgeführt? Täglich, wöchentlich, monatlich?
Die Häufigkeit bestimmt die Amortisationsgeschwindigkeit: Je häufiger ein Prozess vorkommt, desto schneller wird die Investition in die Automatisierung zurückgespielt — und desto mehr lohnt sich auch eine aufwändigere Lösung.
Scoring: - Hoch (täglich oder häufiger): Score 3 — bei täglich 50 Ausführungen amortisiert sich selbst ein mehrtägiger Implementierungsaufwand schnell - Mittel (wöchentlich oder mehrfach pro Monat): Score 2 — ausreichend für moderate Implementierungsinvestitionen - Niedrig (monatlich oder seltener): Score 1 — Investition nur bei sehr hohem Einzelaufwand gerechtfertigt; oft besser: Vorlage + manueller Prozess
Faustregel: Unter fünfmal pro Monat lohnt sich die Automatisierungsinvestition selten, es sei denn, der Einzelaufwand ist extrem hoch (mehrere Stunden pro Ausführung oder besonderen Fehlerfolgenschwere).
Kriterium 2: Regelbasiertheit
Ist die Aufgabe vollständig nach klaren, dokumentierbaren Regeln ausführbar?
Regelbasiertheit, nicht Komplexität, ist das entscheidende Kriterium. Ein komplexer Prozess kann vollständig regelbasiert sein (detailliertes Prüfschema mit 50 Schritten — jeder Schritt ist dokumentierbar). Eine einfache Aufgabe kann stark urteilsbasiert sein (kurze E-Mail beantworten, die Empathie und Kontextverständnis erfordert).
Scoring: - Hoch: Die gesamte Aufgabenlogik kann als vollständiger Entscheidungsbaum dokumentiert werden — einschließlich aller bekannten Ausnahmen. Score 3. - Mittel: Die Hauptpfade sind regelbasiert, aber es gibt Ausnahmen, die menschliches Urteil erfordern. Human-in-the-Loop-Design ist zwingend erforderlich. Score 2. - Niedrig: Die Aufgabe hängt wesentlich von nicht kodifizierbarem Urteilsvermögen ab — Erfahrungswissen, Empathie, politischem Gespür, kreativem Ermessen. Score 1. Schlecht geeignet für vollständige Automatisierung.
Merksatz
Regelbasiertheit, nicht Komplexität, ist das entscheidende Kriterium für die Automatisierungsentscheidung. Ein komplexer Prozess kann vollständig regelbasiert sein — und ist dann ein hervorragender Workflow-Kandidat. Eine einfach klingende Aufgabe kann wesentlich urteilsbasiert sein — und ist dann kein Kandidat für vollständige Automatisierung, egal wie attraktiv die Zeitersparnis klingt.
Kriterium 3: Wert
Was ist der quantifizierbare und qualitative Nutzen bei erfolgreicher Automatisierung?
Quantifizierbar: Eingesparte Minuten pro Ausführung × Häufigkeit pro Jahr × Kostensatz der ausführenden Person (Vollkosten inkl. Nebenkosten).
Qualitativ: Fehlerreduktion (wie oft passieren Fehler im manuellen Prozess, und was kosten sie?), Geschwindigkeitssteigerung (was passiert, wenn dieser Prozess 10× schneller läuft?), Mitarbeiterzufriedenheit (welche Aufgaben werden als besonders lästig empfunden?), Skalierbarkeit (kann die Organisation mit diesem Prozess wachsen, ohne mehr Personal einzustellen?).
Scoring: - Hoch: Jährliche Zeitersparnis > 100 Stunden oder qualitativ strategisch bedeutsam (z. B. Engpass in kritischem Wachstumsprozess). Score 3. - Mittel: 20–100 Stunden Jahreseinsparung oder klare qualitative Verbesserung. Score 2. - Niedrig: < 20 Stunden Jahreseinsparung oder kaum qualitative Verbesserung. Score 1. Nur automatisieren, wenn die Implementierung trivial einfach ist (< 2 Stunden Aufwand).
Kombinationslogik und Gesamtscore
Ein Prozess sollte auf mindestens zwei der drei Kriterien einen Score von 2 oder höher erreichen, um als Automatisierungskandidat zu gelten. Der Gesamtscore ist die Summe der drei Einzel-Scores (Maximalwert: 9).
| Gesamtscore | Automatisierungseignung | Empfohlenes Vorgehen |
| 7–9 | Sehr hoch | Sofort priorisieren, als nächstes Projekt aufnehmen |
| 5–6 | Gut | In die nächste Planungsrunde; Human-in-the-Loop-Design einplanen |
| 3–4 | Bedingt | Nur mit explizitem Human-in-the-Loop-Mechanismus; Aufwand-Nutzen kritisch prüfen |
| < 3 | Gering bis keine | Manuell belassen; Ressourcen für bessere Kandidaten einsetzen |

Abb. 80.1 — Prozess-Fit-Matrix: Automatisierungseignung nach Häufigkeit und Regelbasiertheit für typische Unternehmensprozesse
Häufige Fehlannahmen bei der Prozessauswahl
„Je komplexer die Aufgabe, desto mehr brauchen wir einen Agenten.” Falsch. Komplexität ohne Regelstruktur produziert fehleranfällige, schwer debugbare Agenten. Komplexität muss durch Regelbasiertheit relativiert werden. Ein Agent, der Komplexität bewältigen soll, ohne klare Regeln zu haben, wird inkonsistent und unzuverlässig — und kostet mehr in Korrekturen als er spart.
„Kreative Aufgaben lassen sich vollständig automatisieren.” Nur teilweise. KI kann ausgezeichnete Entwürfe für kreative Texte, Designs oder Konzepte erstellen. Aber der kreative Urteilsteil — ist das wirklich gut? Trifft das die Marke? Passt das zur Botschaft? — bleibt beim Menschen. Richtige Strategie: Automatisieren Sie den Entwurfsprozess (90 % der Zeit), nicht die Entscheidung (10 % der Zeit).
„Unsere Ausnahmen sind selten genug, um sie zu ignorieren.” Stark unterschätzt. Ausnahmen treten in den meisten Prozessen häufiger auf als erwartet. Die Faustregel: Was Teams als „5 % Ausnahmen” einschätzen, sind bei genauer Messung oft 15–25 %. Ein Agent, der Ausnahmen nicht behandeln kann, generiert manuellen Mehraufwand genau dort, wo der Druck am höchsten ist — bei den schwierigen Fällen.
„KI macht das sicher besser als unsere Mitarbeitenden.” Nicht bei urteilsbasierten Aufgaben. Bei Prozessen mit niedriger Regelbasiertheit und hohem Urteilsbedarf ist eine erfahrene Fachkraft oft präziser, schneller und verlässlicher als jeder Agent. KI ist kein universelles Leistungsversprechen — sie ist ein leistungsstarkes Werkzeug für regelbasierte, gut definierte Aufgaben.
„Wir müssen alle Prozesse gleichzeitig angehen.” Kontraproduktiv. Mehrere parallele Automatisierungsprojekte erhöhen Komplexität, splitten Aufmerksamkeit und riskieren gegenseitige Störungen. Faustregel: Maximal zwei bis drei Automatisierungsprojekte gleichzeitig — und pro Quartal einen neuen Use Case hinzufügen, wenn die laufenden stabil laufen.
Klare „Nein”-Kriterien (score-unabhängig)
Unabhängig von der Score-Analyse gibt es Aufgaben-Kategorien, die prinzipiell nicht vollständig automatisiert werden sollten:
Empathie-intensive Aufgaben: Mitarbeitergespräche, Trauerkommunikation, Krisengespräche, schwierige Kundenbeschwerden — hier ist menschliche Präsenz und echte Empathie unersetzlich. KI kann vorbereitend unterstützen (z. B. relevante Informationen aufbereiten), aber die Kernkommunikation bleibt beim Menschen.
Rechtlich abschlusswirksame Entscheidungen: Vertragsunterzeichnung, rechtlich bindende Genehmigungen, Budgetfreigaben über definierten Schwellenwerten, rechtliche Beurteilungen — Verantwortung kann rechtlich nicht an eine KI delegiert werden. Die KI kann vorbereiten und aufbereiten; die Entscheidung und Unterzeichnung obliegen dem Menschen.
Sicherheitskritische Prozesse ohne ausreichende Fehlertoleranz: Fehler in diesen Prozessen haben unverhältnismäßige, möglicherweise irreversible Konsequenzen — Sicherheitsabschaltungen, medizinische Dosierungen, Behördenentscheidungen mit Grundrechtsrelevanz. Die Fehlertoleranz bestimmt, ob ein Prozess automatisierbar ist.
Prozesse mit hochvolatilen Regeln: Wenn sich die Regeln so häufig ändern, dass der Wartungsaufwand der Automatisierung den Automatisierungsnutzen übersteigt, ist manueller Prozess oder ein einfaches Template die bessere Lösung.
Warnung
Nach EU AI Act Art. 6 und Anhang III werden bestimmte Automatisierungsanwendungen als „Hochrisiko-KI-Systeme” klassifiziert — z. B. Systeme für Kreditvergabe, Bildungsbeurteilung, Personalentscheidungen und Bewerbungsscreening, Systeme mit Auswirkungen auf Grundrechte. Hochrisiko-Systeme unterliegen strengen Anforderungen an Transparenz, menschliche Aufsicht und Dokumentation (Art. 9–15 AI Act). Vor der Automatisierung empfindlicher Entscheidungsprozesse ist eine Klassifikation nach AI Act zwingend durchzuführen. Bei Unsicherheit: Datenschutzbeauftragte und Rechtsabteilung einbeziehen.
Prozessaufnahme als unbedingte Voraussetzung
Ein häufiger und teurer Fehler bei der Prozessauswahl ist, Prozesse aus dem Gedächtnis oder aus dem Bauchgefühl heraus zu bewerten — ohne sie vorher sorgfältig aufgenommen zu haben.
„Die Angebotserstellung dauert 90 Minuten.” — Ist das eine gemessene Durchschnittszeit oder eine Schätzung? Wie oft gibt es Ausnahmen? Welche Entscheidungen treffen die Mitarbeitenden im Prozess, ohne es explizit zu benennen — weil es für sie selbstverständlich ist, obwohl es für einen Agenten eine explizite Regel wäre?
Vor dem Bewertungsraster empfiehlt sich eine Prozessaufnahme nach dem SIPOC-Prinzip (Supplier, Input, Process, Output, Customer). Diese 20-Minuten-Übung macht implizite Prozessschritte explizit und deckt häufig überraschende Erkenntnisse auf:
Ein scheinbar einfacher Prozess hat 12 Entscheidungspunkte, nicht drei.
Bestimmte Ausnahmen treten häufiger auf als gedacht — 20 % aller Fälle statt der geschätzten 5 %.
Informationen kommen aus drei verschiedenen Systemen, nicht einem — und mindestens eine davon ist nicht digital verfügbar.
Der eigentliche Zeitaufwand liegt nicht im Kernprozess, sondern in der Datenbeschaffung davor und der Dokumentation danach.
Diese Erkenntnisse verändern die Prozessbewertung oft erheblich — und vermeiden teure Fehlinvestitionen in schlecht verstandene Prozesse.
Vertiefung — Typische Fehlbewertungen, Kalibrierung und Portfolio-Logik
Typische Scoring-Fehler:
Fehler 1 — Regelbasiertheit überschätzen: Ein Prozess wirkt auf den ersten Blick vollständig regelbasiert, enthält aber bei genauer Betrachtung signifikante Graubereiche. Beispiel: „Rechnungsfreigabe bis 500 € — vollständig regelbasiert, Score 3.” In der Praxis gibt es Ausnahmen: Sonderlieferant mit abweichenden Konditionen, Klärungsbedarf bei unbekannter Rechnungsposition, abweichendes Zahlungsziel. Wer diese Ausnahmen unterschätzt, baut einen Agenten, der in 15 % der Fälle fehlschlägt — und dann intensive manuelle Nacharbeit erfordert. Korrekte Bewertung: Score 2, mit explizitem Ausnahme-Handling.
Fehler 2 — Digitalisierungsgrad unterschätzen: Viele Prozesse laufen teilweise auf Papier, in handgeschriebenen Notizen oder in unstrukturierten E-Mails ohne Muster. Ein Agent kann nur mit strukturierten, digital verfügbaren Eingaben arbeiten. Prozesse mit niedrigem Digitalisierungsgrad erfordern zunächst eine Digitalisierungsphase — Formulare standardisieren, Daten in strukturierte Formate überführen, OCR-Lösungen für Papierdokumente einrichten. Der Agent kommt erst danach. Die Digitalisierungsphase wird beim Scoring oft nicht eingepreist.
Fehler 3 — Fehlerkosten ignorieren: Ein Prozess kann hohe Häufigkeit, hohe Regelbasiertheit und hohen Wert aufweisen (Score 9) — aber ein Automatisierungsfehler kann katastrophale Konsequenzen haben (falsche Zahlungsausgänge, inkorrekte Behördenkommunikation, fehlerhafte Qualitätsfreigaben). In solchen Fällen gilt: Der Score allein reicht nicht. Fehlerkosten und -häufigkeit müssen explizit bewertet werden. Prozesse mit hohem Fehlerfolgenpotenzial erfordern zwingend Human-in-the-Loop-Mechanismen, unabhängig vom Score.
Scoring-Kalibrierung durch Gruppenvergleich:
Eine bewährte Methode, um Scoring-Konsistenz sicherzustellen: Denselben Prozess unabhängig in einer Kleingruppe bewerten lassen, ohne vorherige Absprache. Dann die Ergebnisse vergleichen. Diskrepanzen von mehr als 2 Punkten in einer Dimension zeigen: Die Prozessbeschreibung ist noch nicht präzise genug, oder es gibt unterschiedliche implizite Annahmen. Diese Diskussion ist wertvoller Input — nicht für das finale Scoring, sondern für die Präzisierung der Prozessbeschreibung.
Portfolio-Logik: Mehrere Prozesse gleichzeitig bewerten
Wenn eine Organisation mehrere Prozesse bewertet, ergibt sich eine Prioritätsliste. Aber nicht nur der Score bestimmt die Reihenfolge. Weitere Faktoren:
Implementierungskomplexität: Ein Prozess mit Score 8, der in einem Tag mit einem No-Code-Tool umgesetzt werden kann, hat höhere Priorität als ein Prozess mit Score 9, der drei Monate Entwicklungszeit erfordert.
Strategische Sichtbarkeit: Ein Prozess, der für die Geschäftsleitung sichtbar ist und Begeisterung erzeugt, liefert Rückenwind für weitere KI-Projekte — auch wenn sein Score nicht der höchste ist.
Risikoprofil: Wenn zwei Prozesse denselben Score haben, hat der mit geringerem Fehlerfolgenpotenzial höhere Anfangspriorität.
Abhängigkeiten: Manchmal ist ein Prozess Voraussetzung für einen anderen. Digitalisierungsmaßnahmen gehen vor.
Quick-Win-Heuristiken für die schnelle Identifikation:
Neben dem formalen Bewertungsraster gibt es pragmatische Heuristiken für die schnelle Identifikation von Kandidaten:
Copy-Paste-Test: Wenn jemand regelmäßig Daten manuell aus einem System in ein anderes kopiert — Zahlen aus einem Bericht in eine Tabelle, Kundendaten aus einer E-Mail in ein CRM — ist das ein klarer Automatisierungskandidat.
Wiederkehrende E-Mail-Antworten: Wenn dieselbe oder eine sehr ähnliche E-Mail-Antwort mehr als dreimal pro Woche manuell verfasst wird, ist das ein RAG-Chatbot- oder Pipeline-Agent-Kandidat.
Checklisten-Prozesse: Wenn ein Prozess einer festen, dokumentierten Checkliste folgt und alle Informationen digital verfügbar sind, ist das ein Workflow-Kandidat.
Statusabfragen: Wenn Mitarbeitende regelmäßig Kolleginnen und Kollegen oder andere Systeme nach dem aktuellen Stand einer Sache fragen müssen — obwohl die Information irgendwo strukturiert vorliegt — ist das ein Agent-Kandidat mit Datenbankzugriff.
Diese Heuristiken sind kein Ersatz für das formale Scoring, aber sie ermöglichen die schnelle Vor-Identifikation von Kandidaten — auch ohne vollständige Prozessaufnahme.
Vertiefung II — Stakeholder-Management bei der Prozessauswahl
Die Prozessauswahl ist keine rein analytische Aufgabe — sie ist eine politische und kommunikative Aufgabe, die Stakeholder auf verschiedenen Ebenen einbezieht.
Warum Stakeholder-Management entscheidend ist:
Die technisch beste Prozessauswahl scheitert in der Praxis häufig an mangelnder Einbeziehung der richtigen Personen. Drei Gruppen sind besonders kritisch:
Betroffene Mitarbeitende: Die Menschen, die den Prozess heute manuell ausführen, haben das tiefste Prozessverständnis. Ihre Perspektive ist für die Scoring-Genauigkeit unersetzlich — insbesondere bei der Regelbasiertheitsbewertung. Gleichzeitig haben sie berechtigte Sorgen: Wird meine Arbeit ersetzt? Verliere ich Kontrolle über meinen Prozess? Diese Sorgen ernst zu nehmen und transparent anzusprechen ist die Voraussetzung für eine konstruktive Zusammenarbeit.
Datenschutzbeauftragter: Bevor ein Prozess mit personenbezogenen Daten für die Automatisierung in Betracht gezogen wird, muss der Datenschutzbeauftragte (DSB) einbezogen werden. Der DSB prüft die Rechtsgrundlage der Datenverarbeitung, die Notwendigkeit einer Datenschutz-Folgenabschätzung und die Anforderungen an Datensparsamkeit und Zweckbindung. Ohne diese Prüfung kann kein Prozess mit personenbezogenen Daten implementiert werden.
IT-Sicherheit: Die IT-Sicherheits-Abteilung prüft: Welche Systeme werden verbunden? Welche Zugriffsrechte erhält der Agent? Welche Daten verlassen die sichere Unternehmensperimeter? Gibt es Risiken durch Drittanbieter-APIs? Diese Prüfung ist Pflicht — nicht nur Empfehlung.
Stakeholder-Einbeziehungs-Timeline:
Phase 1 (Orientierung, vor dem Scoring): Betroffene Mitarbeitende für Prozessaufnahme einbinden. Ihre implizites Prozesswissen explizit machen.
Phase 2 (Scoring und Priorisierung): Führungsebene des betroffenen Bereichs: Strategische Bedeutung und Priorität des Prozesses einschätzen. Scoring-Ergebnisse vorstellen, Rückmeldung einholen.
Phase 3 (Entscheidung für Top-Kandidaten): Datenschutzbeauftragter: Datenschutzvorprüfung. IT-Sicherheit: Sicherheitsvorprüfung. Betriebsrat (wo zutreffend): Information und Mitbestimmungsrechte prüfen.
Phase 4 (Vor Implementierung): Compliance/Rechtsabteilung: AI Act Klassifikation und sonstige regulatorische Anforderungen prüfen.
Häufige Stakeholder-Fallen:
IT zu spät einbezogen: Der Prozess wird ausgewählt, priorisiert und budgetiert — und dann stellt sich heraus, dass die nötigen API-Schnittstellen nicht existieren oder die IT-Sicherheitsanforderungen den Zeitplan um sechs Monate verschieben. Lösung: IT in der Orientierungsphase als Feasibility-Check einbinden.
DSB zu spät informiert: Nach monatelanger Konzeption stellt der DSB fest, dass die geplante Datenverarbeitung eine Datenschutz-Folgenabschätzung erfordert — und die nimmt drei Monate in Anspruch. Lösung: DSB in Phase 2 einbinden, nicht erst in Phase 4.
Mitarbeitende als letztes informiert: Der Agent ist konfiguriert und soll morgen live gehen — und die betroffenen Mitarbeitenden hören heute zum ersten Mal davon. Das erzeugt Widerstand, der alle weiteren Projekte verlangsamt. Lösung: Transparenz von Beginn an, Mitarbeitende als Experten für die Prozessaufnahme einbeziehen.
Merksatz
Die Prozessauswahl ist keine Einzel-Entscheidung eines KI-Beauftragten oder einer Führungskraft — sie ist ein Stakeholder-Prozess. Wer die richtigen Personen in der richtigen Reihenfolge einbezieht, gewinnt nicht nur bessere Entscheidungsgrundlagen, sondern baut auch die organisatorische Akzeptanz auf, ohne die kein KI-Projekt langfristig erfolgreich sein kann.
Von der Prozessauswahl zur Roadmap
Eine einzelne Prozessbewertung ist wertvoll. Eine systematische Bewertung aller relevanten Prozesse eines Teams oder einer Abteilung ergibt eine KI-Automatisierungs-Roadmap — das ist der eigentliche strategische Wert des Bewertungsrasters.
Roadmap-Struktur:
Eine einfache Roadmap für KI-Automatisierung hat drei Horizonte:
Quartal 1 — Quick Wins: Score 7–9, Implementierung in < 1 Woche, kein Hochrisiko. Das sind die Standalone- und Pipeline-Agenten, die sofortige Sichtbarkeit erzeugen und das Vertrauen der Organisation in KI-Automatisierung aufbauen.
Halbjahr 1 — Strukturierte Implementierungen: Score 5–8, Implementierung 1–4 Wochen, Human-in-the-Loop-Design erforderlich, Stakeholder-Abstimmung bereits erfolgt. Das sind die Prozesse, die mehr Koordinationsaufwand erfordern, aber höheren strategischen Wert haben.
Jahr 1 — Komplexe Architekturen: Score 7–9, Implementierung > 4 Wochen, ggf. externe Unterstützung, Pilotphase und Monitoring-Setup. Das sind die Prozesse, die orchestrierte Multi-Agenten-Architekturen erfordern oder starke Integration mit bestehenden Systemen.
Roadmap als Steuerungsinstrument:
Die Roadmap ist nicht nur ein Planungsdokument — sie ist ein Steuerungsinstrument für Ressourcen, Prioritäten und Erwartungsmanagement. Führungskräfte können anhand der Roadmap entscheiden: Wie viele parallele Projekte sind realistisch zu managen? Welche Reihenfolge maximiert den Nutzen bei gegebenem Budget? Wo wird externe Unterstützung benötigt?
Ohne Roadmap entstehen Ad-hoc-Entscheidungen, die kurzfristig attraktiv erscheinen, aber langfristig die Architekturkonsistenz und die Lernkurve der Organisation untergraben.
Digitalisierungsgrad als Filterkriterium
Ein Aspekt, der im formalen Scoring oft nicht explizit berücksichtigt wird, aber in der Praxis entscheidend ist: der Digitalisierungsgrad des Prozesses.
Agenten können nur mit digital verfügbaren, strukturierten Daten arbeiten. Ein Prozess, der auf Papierdokumenten basiert, E-Mails ohne Struktur nutzt oder wesentliche Informationen in mündlichen Absprachen enthält, ist nicht direkt automatisierbar — unabhängig davon, wie hoch sein Drei-Kriterien-Score ist.
Vier Digitalisierungsstufen:
Stufe 4: Vollständig digital, strukturiert (API-verfügbar, maschinell lesbar) — sofort automatisierbar
Stufe 3: Digital, aber unstrukturiert (E-Mails, PDF-Dokumente) — automatisierbar nach Parsing-Lösung (z. B. AI Builder Dokumentenextraktion)
Stufe 2: Teilweise digital (Excel-Dateien, Formular-Ausdrucke) — automatisierbar nach Digitalisierungsmaßnahme
Stufe 1: Papierbasiert oder mündlich — Digitalisierungsphase erforderlich bevor Automatisierung möglich
Die Empfehlung: Digitalisierungsgrad als vorgelagerte Filterfrage verwenden. Prozesse unter Stufe 3 kommen erst dann auf die Automatisierungs-Roadmap, wenn der Digitalisierungsschritt geplant und budgetiert ist.
Diese Erweiterung des Bewertungsrasters um eine vierte Dimension (Digitalisierungsgrad) erhöht die Prognosequalität für die tatsächliche Implementierungszeit erheblich — und vermeidet die häufige Enttäuschung, wenn ein Prozess mit Score 9 in der Praxis sechs Monate Vorarbeit erfordert, bevor der eigentliche Agent gebaut werden kann.
Vertiefung II — Strategische Ebene — Die Prozesslandkarte als strategisches Steuerungsinstrument
Die Einzelbewertung eines Prozesses anhand der drei Fit-Kriterien ist ein taktisches Werkzeug. Strategisch entscheidend ist die Gesamtschau: Welche Prozesse im Unternehmen wurden bereits bewertet? Welche wurden als KI-geeignet eingestuft und befinden sich in welchem Umsetzungsstatus? Welche wurden bewusst zurückgestellt, und aus welchem Grund? Wann werden sie erneut bewertet? Diese Gesamtschau ergibt die Prozesslandkarte — das zentrale Steuerungsinstrument für jede Organisation, die KI-Automatisierung systematisch und nicht ad hoc einführen will. Ohne eine solche Landkarte entstehen klassische Parallelismus-Probleme: Zwei Abteilungen automatisieren denselben Prozess unabhängig voneinander, oder eine Abteilung beansprucht IT-Ressourcen, die bereits für ein anderes Automatisierungsprojekt verplant sind.
Warum eine Landkarte, nicht eine Liste
Eine einfache Tabelle mit Prozessen und Scores ist ein Startpunkt, aber kein Steuerungsinstrument. Eine Landkarte visualisiert Abhängigkeiten: Prozess A liefert Daten an Prozess B — wenn A automatisiert wird, verändert das die Voraussetzungen und möglicherweise den Score von B erheblich. Sie visualisiert auch Kapazitätsbelastungen: Drei Prozesse sind gleichzeitig mit einem Score über dem Schwellenwert bewertet, aber alle drei binden dasselbe Fachteam als inhaltliche Ansprechpartner für die Implementierung. Eine Landkarte macht diese Ressourcenkonflikte sichtbar; eine Liste verschleiert sie unter der scheinbaren Objektivität von Zahlen.
Gute Prozesslandkarten unterscheiden mindestens vier Zustände. Bewertet und zurückgestellt bedeutet: Der Score ist zu niedrig, oder notwendige Voraussetzungen (Datenqualität, technische Infrastruktur, personelle Kapazität) fehlen noch. In Vorbereitung bedeutet: Die Prozessaufnahme läuft aktiv, Datenqualität wird verbessert, oder regulatorische Fragen werden geklärt. In Umsetzung bedeutet: Die Entwicklung oder der Pilotbetrieb ist aktiv; ein Team arbeitet am Agenten. In Produktion bedeutet: Das System läuft live, mit aktivem Monitoring und einem definierten Feedback-Loop.
Diese vier Zustände sind keine Bewertungen von Erfolg oder Misserfolg — ein Prozess, der nach gründlicher Analyse bewusst zurückgestellt wurde, ist besser gemanagt als ein Prozess, der unbewertet bleibt. Und ein Prozess in der Vorbereitung ist näher am Ziel als ein Prozess, der spontan angegangen wird ohne die notwendige Grundlage.
Merksatz
Die Prozesslandkarte ist kein einmaliges Deliverable — sie ist ein lebendes Dokument, das quartalsweise aktualisiert wird. Rahmenbedingungen ändern sich: KI-Tools reifen und werden einfacher einzusetzen, Datenqualität verbessert sich durch parallele Digitalisierungsprojekte, regulatorische Vorgaben kommen hinzu oder werden präzisiert. Ein Prozess mit einem Score von 4 heute kann in sechs Monaten einen Score von 7 erreichen, weil die Dateninfrastruktur verbessert wurde — nicht weil der Prozess sich verändert hat.
Priorisierungslogik über mehrere Prozesse
Wenn mehrere Prozesse ähnliche Scores haben, braucht das Unternehmen eine explizite Tiebreaker-Logik, um Entscheidungen nicht von persönlichen Präferenzen oder der Überzeugungskraft einzelner Führungskräfte abhängig zu machen. Vier Kriterien ermöglichen eine sachliche Differenzierung.
Strategischer Hebel: Welcher Prozess ist am engsten mit den Top-Unternehmenszielen des laufenden Jahres verknüpft? KI-Projekte, die einen sichtbaren Beitrag zu einer strategischen Priorität leisten, erhalten leichter Ressourcen, organisationale Unterstützung und Führungsaufmerksamkeit. Sie sind auch politisch einfacher durchzusetzen, weil ihr Zweck für alle Beteiligten evident ist.
Organisationale Lernkurve: Welcher Prozess bietet die geringste technische und prozessuale Komplexität? Die ersten ein oder zwei Automatisierungen sollten in erster Linie Erfolgserlebnisse produzieren — nicht maximalen ROI. Erfolg baut Vertrauen und Kompetenz auf, bevor komplexere Fälle angegangen werden. Eine Organisation, die mit einem mittelmäßig komplexen Prozess beginnt und erfolgreich ist, ist anschließend besser aufgestellt als eine Organisation, die mit dem komplexesten Prozess beginnt und scheitert.
Datenverfügbarkeit: Welcher Prozess hat die höchste Datenqualität bereits heute, ohne zusätzliche Aufwände für Bereinigung oder Strukturierung? Projekte, die auf sauberere Daten warten müssen, verzögern sich systematisch und konsumieren Ressourcen für Datenqualitätsprojekte, bevor überhaupt mit der eigentlichen Automatisierung begonnen werden kann.
Skalierungspotenzial: Welcher Prozess existiert in ähnlicher Form in mehreren Abteilungen, Standorten oder Produktlinien, sodass eine erfolgreiche Automatisierung mehrfach repliziert werden kann? Ein Prozess mit hohem Replikationspotenzial hat einen wesentlich höheren strategischen Wert als ein organisatorisches Unikat — auch wenn der individuelle ROI gleich groß erscheint.
Umgang mit politisch aufgeladenen Prozessen
In der Praxis gibt es Prozesse, die technisch klar KI-geeignet wären — die aber politisch aufgeladen sind und deshalb zunächst nicht angegangen werden können. Prozesse, bei denen Mitarbeitende Stellenabbau befürchten. Prozesse in Abteilungen mit einer Führung, die dem Thema KI grundsätzlich skeptisch gegenübersteht. Prozesse, die historisch gewachsene Sonderrollen und Informationsmonopole zementieren, die durch Automatisierung aufgebrochen würden.
Die Prozesslandkarte ist kein Instrument zur Umgehung dieser organisatorischen Realität. Sie ist ein Instrument zur transparenten Kommunikation darüber. Wenn ein politisch aufgeladener Prozess trotz hohem technischen Score zunächst zurückgestellt wird, sollte das explizit in der Landkarte vermerkt sein — mit dem Grund und einem Datum für die nächste Neubewertung: „Score: 8 von 12 — zurückgestellt wegen fehlender Akzeptanz im Bereich X. Nächste Überprüfung: Q3 nach Abschluss des Kommunikationsprozesses.” Diese Transparenz verhindert, dass Entscheidungen später als willkürlich oder politisch motiviert wahrgenommen werden, und gibt allen Beteiligten die Möglichkeit, ihre Bedenken strukturiert einzubringen — statt sie in informellen Kanälen zu kanalisieren, wo sie unkontrolliert eskalieren können.
Integration mit dem Ressourcenplanung und Change Management
Prozessauswahl und organisatorische Planung sind keine getrennten Aktivitäten, auch wenn sie häufig in getrennten Abteilungen stattfinden. Die Entscheidung, welcher Prozess als nächster automatisiert wird, beeinflusst direkt, welche Teams kommunikativ und qualifikatorisch vorbereitet werden müssen, welche IT-Ressourcen für welchen Zeitraum gebunden werden und welche Change-Management-Maßnahmen eingeleitet werden sollen.
Eine reife Prozesslandkarte enthält deshalb nicht nur Scores und Status, sondern auch Ressourcenangaben: Welches IT-Team ist zuständig? Wie viele Personentage Implementierungsaufwand sind geplant? Welche externen Dienstleister oder Plattformkosten entstehen? Diese Angaben ermöglichen eine realistische Gesamtplanung und verhindern, dass die Summe der geplanten Projekte die verfügbaren Kapazitäten übersteigt — ein klassisches Problem in Unternehmen, die Digitalisierungsvorhaben dezentral planen.
Ein reifes Prozessauswahl-Verfahren ist kein isoliertes Analyseprojekt, das nach drei Wochen ein Ergebnis liefert und dann abgeschlossen ist. Es ist Teil eines integrierten KI-Governance-Rahmens, der technische, organisatorische und kommunikative Dimensionen gleichzeitig berücksichtigt — und der quartalsweise neu kalibriert wird, weil sich sowohl die Technologie als auch das Unternehmen kontinuierlich verändern.
Vertiefung IV — Schnelle Neubewertung: Wann sich ein Score verändert
Prozessscores sind keine festen Größen. Vier Ereignistypen rechtfertigen eine außerordentliche Neubewertung ohne Warten auf den nächsten Quartalszyklus.
Technologische Sprünge: Ein neues Modell oder eine neue Plattform-Version senkt die Einstiegshürde in einen bisher als zu komplex bewerteten Prozess. Die Neubewertung prüft, ob der technische Fit-Score jetzt höher ausfällt.
Datenqualitätssprünge: Ein paralleles Digitalisierungsprojekt hat einen Datensatz strukturiert oder bereinigt, der für den Prozess als Eingabe dient. Damit verändert sich der Datenverfügbarkeits-Score erheblich.
Regulatorische Klarstellungen: Eine bisher ungeklärte rechtliche Frage — etwa zur DSGVO-Konformität eines bestimmten Datenverarbeitungsschritts — wird durch eine Aufsichtsbehörde oder ein Urteil geklärt. Das kann einen bisher gesperrten Prozess freigeben oder einen bisher erlaubten Prozess einschränken.
Organisationsveränderungen: Eine Reorganisation, ein neues Führungsteam oder eine veränderte strategische Ausrichtung verändert die Gewichtung des strategischen Hebel-Kriteriums. Prozesse, die unter der alten Strategie peripheren Charakter hatten, können unter der neuen Strategie zentral sein — und umgekehrt.
Diese vier Auslöser sind in der Prozesslandkarte als Neubewertungs-Trigger zu dokumentieren: Welches Ereignis würde den Score eines zurückgestellten Prozesses signifikant verändern? Wer beobachtet das Eintreten dieses Ereignisses? Diese prospektive Planung verhindert, dass wertvolle Chancen unbemerkt entstehen und wieder verschwinden.
Branchen-Anwendungen
IT-Dienstleistung & Beratung
Ein IT-Beratungsunternehmen führt im Rahmen eines halbtägigen Workshops ein systematisches Prozessauswahl-Verfahren für alle operativen Bereiche durch. Aus 22 bewerteten Prozessen kristallisieren sich drei sofortige Top-Kandidaten heraus: (1) Wöchentliches Projektstatus-Reporting an Kunden (Score 9: täglich datennah, vollständig nach Vorlage, 60–90 Minuten pro Bericht × 12 Projekte = über 100 Stunden Jahresaufwand). (2) Support-Ticket-Klassifikation und -Routing nach Priorität und Zuständigkeit (Score 9: mehrfach täglich, klare Kategorien vollständig dokumentierbar, fehlerhafte Klassifikation kostet Service-Level-Punkte). (3) Meeting-Protokollierung aus strukturierten Gesprächsnotizen (Score 8: täglich, Standardformat, 30 Minuten gespart — aber Urteilskomponente bei unstrukturierten Meetings erfordert Score 2 statt 3 bei Regelbasiertheit). Explizit abgelehnt trotz hoher Häufigkeit: Kundengespräch-Vorbereitung für strategische Accounts (Score 5: hohe Kreativität, starke Kontextsensitivität, hoher Urteilsanteil — KI als Recherche-Unterstützung sinnvoll, aber kein Pipeline-Agent). Das Ergebnis: Statt zehn Agenten gleichzeitig starten die Teams mit zwei Standalone-Agenten und einem Pipeline-Agenten — fokussiert, messbar, ohne organisatorische Überforderung.
Industrie & Fertigung
In einem Fertigungsunternehmen mit drei Produktionsstandorten identifiziert das Bewertungsraster drei valide Kandidaten aus neun bewerteten Prozessen: (1) Störungsmeldungs-Klassifikation und Routing nach Anlagentyp und Dringlichkeit (Score 9: mehrfach täglich, klare Kategoriensystematik vollständig dokumentiert, schnelle Reaktionszeit direkt kostenrelevant). (2) Wartungsprotokoll-Erstellung aus strukturierten Prüfbögen (Score 8: wöchentlich pro Anlage, normiertes Format nach DIN-Vorgabe, aber Urteilskomponente bei Zustandsbewertung = Human-in-the-Loop zwingend). (3) Lieferanten-Bewertungs-Reporting aus QS-Datenbank (Score 7: monatlich, aber sehr hoher Aufwand pro Ausführung — 4 Stunden Datensammlung und Formatierung — und klare quantitative Kennzahlen). Klar abgelehnt: Maschinenführer-Schichtübergabe (Score 3: die relevanten Informationen — Besonderheiten, Stimmungslage, implizite Hinweise — sind Tacit Knowledge, das ausschließlich im persönlichen Gespräch korrekt übertragen wird). Der explizite Scoring-Prozess hat eine anfängliche Begeisterung für den Schichtübergabe-Use-Case früh korrigiert und eine teure Fehlinvestition verhindert.
Finanzdienstleistung & Versicherung
Eine Versicherungsgesellschaft bewertet in einem strukturierten Prozess elf operative Prozesse mit dem Drei-Kriterien-Raster. Die Score-Topgruppe: Reguläre Schadensmeldungs-Erstklassifikation nach Typ und Schwere (Score 9 — mehrfach täglich, klare Kategoriensystematik, direkte Auswirkung auf Bearbeitungszeit und Kundenzufriedenheit). Vertragsdaten-Vervollständigung bei fehlenden Pflichtfeldern (Score 8 — täglich, eindeutige Prüflogik, aber Urteilskomponente bei Grenzfällen). Mahnwesen-Korrespondenz bei klar definierten Zahlungsverzugsfällen (Score 7 — wöchentlich, standardisierter Brieftext, rechtliche Anforderungen dokumentierbar). Besonders wertvoll ist die explizite Diskussion über die Nein-Kriterien: Leistungsablehnung (rechtlich abschlusswirksam, unabhängig vom Score keine Automatisierung der Entscheidung — nur der Vorbereitung). Beschwerdebearbeitung bei komplexen Fällen mit emotionalem Gehalt (Empathie-intensiv, Score 6 trotzdem Nein für die Antwort-Erstellung — nur für die Vorsortierung). Das Scoring-Raster hat interne Diskussionen versachlicht: Statt intuitiver Präferenzen entscheidet jetzt ein transparentes Kriteriensystem.
Öffentliche Verwaltung
Ein Stadtamt mit rund 150 Mitarbeitenden bewertet systematisch Bürgerkommunikationsprozesse nach dem Drei-Kriterien-Raster. Ergebnis mit hohem Potenzial: Standard-Bürgeranfragen zu Öffnungszeiten, Formularen und Zuständigkeiten (Score 9 — täglich viele Anfragen, vollständig regelbasiert, jede Anfrage bindet 10–15 Minuten Sachbearbeiterzeit). Automatische Eingangsbestätigungen mit Ticketnummer und realem Bearbeitungszeitraum (Score 9 — bei jeder Anfrage, vollständig automatisierbar, erhöht Bürgerwahrnehmung der Reaktionsfähigkeit). Dokumentenvervollständigungs-Prüfung bei Online-Anträgen (Score 8 — klare Pflichtfelder-Logik, aber Urteilskomponente bei Sonderfällen erforderlich). Explizit ausgeschlossen unabhängig vom Score: Ermessensentscheidungen im Sozialrecht (fundamentale Rechtsstaatlichkeitsanforderung: menschliche Entscheidung ist hier zwingend geboten). Vor Inbetriebnahme jedes Prozesses: Prüfung durch Rechtsabteilung auf Vereinbarkeit mit dem Verwaltungsverfahrensgesetz und DSGVO-Folgenabschätzung nach Art. 35 für alle personenbezogenen Datenverarbeitungsschritte.
Übung 1 — Prozessbewertung mit dem Drei-Kriterien-Raster
Aufgabe: Sie bewerten fünf Prozesse mit dem Drei-Kriterien-Raster, berechnen Gesamtscores und leiten begründete Automatisierungsempfehlungen ab.
Schritt-für-Schritt: 1. Lesen Sie alle fünf Prozessbeschreibungen vollständig. 2. Vergeben Sie für jedes Kriterium (Häufigkeit / Regelbasiertheit / Wert) einen Score von 1–3. 3. Berechnen Sie den Gesamtscore. 4. Leiten Sie die Empfehlung ab (Automatisieren / Bedingt mit HitL / Nicht automatisieren). 5. Prüfen Sie, ob eines der klaren „Nein”-Kriterien gilt (unabhängig vom Score). 6. Diskutieren Sie in Paaren: Wo haben Sie unterschiedlich bewertet — und warum?
Prozesse zur Bewertung: - P1: Wöchentliche Zusammenfassung von Kunden-Feedback-E-Mails (10–20 E-Mails zu einem strukturierten Bericht) - P2: Erstellung des monatlichen Gesamtbetriebsratsprotokolls aus Gesprächsnotizen und Beschlüssen - P3: Tägliche Klassifikation eingehender Support-Tickets nach Prioritätsstufe und Zuständigkeitsbereich - P4: Vorbereitung individueller jährlicher Entwicklungsgespräche für Mitarbeitende - P5: Erstellung des quartalsweisen Firmennewsletters (Textentwurf aus Bullet-Point-Input)
Musterlösung:
| Prozess | Häufigkeit | Regelbasiert | Wert | Gesamt | Empfehlung |
| P1 Feedback-Zusammenfassung | 2 (wöchentlich) | 2 (Struktur klar, Gewichtung unklar) | 2 (30–45 Min) | 6 | Bedingt — HitL für Gewichtung |
| P2 Betriebsratsprotokoll | 1 (monatlich) | 2 (Struktur klar, Beschlussformulierung urteilsbasiert) | 1 (60–90 Min, einmal/Monat) | 4 | Nein — zu selten, Urteilsanteil zu hoch |
| P3 Ticket-Klassifikation | 3 (täglich, viele) | 3 (Kategoriensystematik vollständig dokumentierbar) | 3 (spart Disposition, SLA-Relevanz) | 9 | Sofort automatisieren |
| P4 Entwicklungsgespräche | 1 (jährlich) | 1 (hochgradig urteilsbasiert) | — | — | Nein-Kriterium: Empathie-intensiv |
| P5 Newsletter-Entwurf | 1 (quartalsweise) | 2 (Struktur klar, Tonalitätsentscheidung unklar) | 2 (2–3 h Entwurfsarbeit) | 5 | Bedingt — Entwurf automatisieren, Entscheidung manuell |
Begründungstiefe für P3: Ticket-Klassifikation ist der Musterfall für sehr hohe Automatisierungseignung. Die Regeln sind vollständig dokumentierbar (Kategorienkatalog mit eindeutigen Kriterien), die Häufigkeit ist sehr hoch (bei vielen Organisationen hunderte Tickets täglich), und der Wert ist substanziell (Routing-Verzögerungen kosten Service-Level-Punkte und Kundenzufriedenheit). Human-in-the-Loop ist hier für Grenzfälle als Eskalationspfad sinnvoll — nicht als Regel, sondern als Ausnahme.
Begründungstiefe für P4: Selbst wenn Entwicklungsgespräche häufig stattfinden und einen hohen Wert haben — das Nein-Kriterium „Empathie-intensiv” gilt unabhängig vom Score. Kein Automatisierungspotenzial für die Kernaktivität. Möglich: Vorbereitung des Gesprächs unterstützen — z. B. relevante Leistungsdaten aufbereiten, Entwicklungsziele aus früheren Protokollen zusammenfassen (das wäre Score 7, bedingt). Das ist keine Automatisierung des Gesprächs, sondern eine Vorbereitung des Gesprächsführers.
Übung 2 — Eigene Prozesse bewerten und priorisieren
Aufgabe: Sie bewerten drei eigene Prozesse aus Ihrem Arbeitsalltag, erstellen eine persönliche Automatisierungs-Prioritätsliste und identifizieren den ersten konkreten Kandidaten für UE 84 (Praxisübung).
Schritt-für-Schritt: 1. Wählen Sie drei Prozesse aus Ihrem Alltag, bei denen Sie ein Automatisierungspotenzial vermuten. 2. Führen Sie für jeden Prozess eine Mini-SIPOC-Aufnahme durch (5 Minuten): Was ist der Input? Wer liefert ihn? Was sind die Prozessschritte? Was ist der Output? Wer nutzt ihn? 3. Bewerten Sie jeden Prozess mit dem Drei-Kriterien-Raster (Score 1–3 je Kriterium), dokumentieren Sie die Bewertung mit Begründung. 4. Prüfen Sie Nein-Kriterien explizit. 5. Erstellen Sie eine priorisierte Liste der drei Prozesse nach Score und Implementierungskomplexität. 6. Identifizieren Sie den Top-1-Prozess als möglichen Kandidaten für die Praxisübung in UE 84. 7. Notieren Sie: Welches Architektur-Muster aus UE 79 wäre geeignet?
Musterlösung — Beispielprozess:
Prozess: „Wöchentliches Zusammenführen von Projektstatus-Informationen aus drei Systemen und Erstellung eines formatierten Kurzberichts für die Geschäftsleitung (montags, 10:00 Uhr)”
SIPOC-Aufnahme: - Supplier: Projektmanagement-Tool (Jira), Zeiterfassungssystem, offene Aufgabenliste in Outlook - Input: Projektstatus-Daten, gebuchte Stunden der Woche, offene Hochprioritäts-Tasks - Process: Daten manuell aus drei Systemen abrufen → in PowerPoint-Template übertragen → Risiken priorisieren → Text formulieren - Output: Formatierter 2-seitiger Statusbericht als PDF in SharePoint + Benachrichtigung per E-Mail - Customer: Geschäftsleitung (3 Personen)
Bewertung: - Häufigkeit: 3 (wöchentlich, termingebunden, unverzichtbar) - Regelbasiertheit: 3 (klar definiertes Format, Datenquellen bekannt, Priorisierungslogik für Risiken dokumentierbar) - Wert: 3 (spart 60–90 Minuten pro Woche = 52–78 Stunden Jahresaufwand bei einem Kostensatz von 80 €/h = 4.160–6.240 € jährlich)
Gesamtscore: 9 — sofort automatisieren. Empfohlenes Architektur-Muster: Standalone-Agent (zeitbasierter Trigger montags 08:00 Uhr, liest Daten aus allen drei Systemen, erstellt Bericht im Template, legt PDF in SharePoint ab, sendet Benachrichtigung).
Priorisierungslogik für das Portfolio: Bei gleich hohem Score gilt die Reihenfolge: (1) Höchster monetärer Wert — maximaler ROI. (2) Höchste Regelbasiertheit — geringste Fehlerwahrscheinlichkeit und einfachstes Debugging. (3) Niedrigste technische Implementierungskomplexität — schnellster Quick-Win und schnellste Akzeptanz-Erfahrung.
Promptbaustein — Prozess-Portfolio nach Drei-Kriterien-Raster bewerten
Rolle: Sie sind ein KI-Automatisierungsberater, der Organisationen dabei unterstützt, die richtigen Prozesse für KI-Agenten-Automatisierung zu identifizieren und zu priorisieren.
Aufgabe: Bewerten Sie die folgende Liste von Prozessen anhand des Drei-Kriterien-Rasters (Häufigkeit, Regelbasiertheit, Wert) und erstellen Sie eine priorisierte Automatisierungs-Roadmap: [Prozessliste einfügen — z. B. 5–8 Prozesse aus dem eigenen Arbeitsumfeld].
Ziel: Eine klare, begründete Priorisierungsliste mit konkreter Implementierungsempfehlung für die ersten zwei Prozesse.
Kontext: Die Organisation ist ein mittelständisches Unternehmen mit ca. 200 Mitarbeitenden. Es gibt kein dediziertes KI-Team — alle Implementierungen erfolgen durch Fachanwender mit No-Code-Tools (Make, n8n, Power Automate).
Output: 1. Score-Tabelle (Prozess / Häufigkeit 1–3 / Regelbasiertheit 1–3 / Wert 1–3 / Gesamtscore) für alle Prozesse. 2. Nein-Kriterien-Check: Welche Prozesse müssen trotz hohem Score ausgeschlossen werden (Empathie, Rechtswirkung, Sicherheit)? 3. Empfehlung für die ersten zwei Umsetzungsprojekte mit Begründung. 4. Human-in-the-Loop-Einschätzung (Grün/Gelb/Rot) für jeden der zwei empfohlenen Prozesse. 5. Eine Warnung: Welcher Prozess aus der Liste würde am häufigsten überschätzt — und warum?
Hinweis: Beginnen Sie mit dem Copy-Paste-Test für jeden Prozess, bevor Sie den Score berechnen.
Cheat-Sheet — Prozessauswahl kompakt
| Kriterium | Score 3 | Score 2 | Score 1 |
| Häufigkeit | Täglich oder häufiger | Wöchentlich | Monatlich oder seltener |
| Regelbasiertheit | Vollständiger Entscheidungsbaum dokumentierbar | Hauptpfade regelbasiert, Ausnahmen existieren | Wesentlich urteilsbasiert, nicht kodifizierbar |
| Wert | > 100 h/Jahr oder strategisch bedeutsam | 20–100 h/Jahr | < 20 h/Jahr |
Score-Interpretation: 7–9 = sofort | 5–6 = bedingt (HitL einplanen) | unter 5 = manuell belassen
Nein-Kriterien (score-unabhängig): Empathie-intensiv / rechtlich abschlusswirksam / sicherheitskritisch ohne Fehlertoleranz / hochvolatile Regeln
Schnell-Heuristiken: Copy-Paste-Test | Wiederkehrende E-Mail-Antworten (>3×/Woche) | Checklisten-Prozesse | Statusabfragen
Prozessaufnahme zuerst: SIPOC (Supplier / Input / Process / Output / Customer) — 20 Minuten, deckt Überraschungen auf
Portfolio-Reihenfolge: Höchster ROI + höchste Regelbasiertheit + niedrigste Implementierungskomplexität = erste Priorität
Reflexionsfragen
Welcher Prozess in Ihrem Arbeitsalltag hat den höchsten Gesamtscore — und warum haben Sie ihn noch nicht automatisiert? Was ist das eigentliche Hindernis?
Was sind die Konsequenzen, wenn eine Organisation einen Prozess mit Score 3 automatisiert, ohne Human-in-the-Loop-Design zu berücksichtigen — und der Agent dann in 15 % der Fälle falsch entscheidet?
Wie würden Sie jemandem erklären, warum ein Entwicklungsgespräch trotz hoher Häufigkeit kein Kandidat für Automatisierung ist — in zwei Sätzen, die auch ein KI-Skeptiker versteht?
Wie kann das Drei-Kriterien-Raster helfen, interne Widerstände gegen KI-Automatisierung durch nachvollziehbare Argumente zu überwinden — statt durch technisches Enthusiasmus?
Welche Prozesse in Ihrem Umfeld haben auf den ersten Blick hohes Automatisierungspotenzial, auf den zweiten Blick aber kritische Einschränkungen, die eine vollständige Automatisierung verhindern?
Prozessauswahl ist eine strategische Entscheidung mit Stakeholdern: Wer muss einbezogen werden — und warum sind Datenschutzbeauftragte, IT-Sicherheit und Betriebsrat früh zu beteiligen?
Wenn ein Prozess Score 5 hat (bedingte Eignung): Welche konkreten Maßnahmen könnten seinen Score auf 7+ erhöhen — und wäre das die Investition wert?
Quellen & Weiterlesen
| Quelle | Typ | URL |
| McKinsey Global Institute — A New Future of Work: Automation, AI, and the Essential Human Element | Studie | https://www.mckinsey.com/mgi/our-research |
| MIT Sloan Management Review — Which Tasks Should Be Automated? | Analyse | https://sloanreview.mit.edu |
| Gartner — How to Prioritize AI Use Cases for Maximum Business Value | Praxis-Guide | https://www.linkedin.com/posts/gartner-for-it-leaders_gartnerit-enterprisearchitecture-ai-activity-7239712561204531201-BMPr |
| OECD — Artificial Intelligence in Work: Tasks, Automation, Augmentation, and Productivity | Studie | https://www.oecd.org/en/topics/policy-issues/artificial-intelligence.html |
| EU AI Act — Risikoklassifikation und Hochrisiko-Kriterien Anhang III (EUR-Lex) | Primärrecht | https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32024R1689 |
| SIPOC-Methode — Process Improvement Toolkit (iSixSigma) | Methoden-Referenz | https://www.isixsigma.com/sipoc-copis/sipoc-diagram/ |
Hinweise für AI Champions — So vermitteln Sie das Thema
Timing (45 Min): 5 Min Einstieg (Impuls-Frage: „Was würden Sie sofort automatisieren, wenn Sie könnten — und warum haben Sie es bisher nicht getan?“; Antworten an Tafel sammeln), 15 Min Input (Drei Kriterien + Scoring-Logik + Nein-Kriterien + Quick-Win-Heuristiken + SIPOC-Hinweis), 15 Min Übung 1 (fünf Prozesse bewerten, in Paaren; dann gemeinsam Ergebnisse vergleichen), 10 Min Übung 2 (eigene Prozesse individuell beginnen; Top-Kandidat für UE 84 identifizieren).
Methodische Empfehlung: Übung 1 bewusst in Paaren mit anschließendem Plenum-Vergleich durchführen. Das wertvollste Lernmoment dieser UE ist nicht das Scoring-Ergebnis selbst, sondern die Diskussion über Scoring-Diskrepanzen: Wenn zwei Personen denselben Prozess unterschiedlich einschätzen, liegt das fast immer an unterschiedlichen impliziten Annahmen — über Häufigkeit, über den Anteil der Ausnahmen, oder über den tatsächlichen Zeitaufwand. Diese Annahmen explizit zu machen ist die Kernleistung des Rasters.
Häufige Stolpersteine:
(a) Regelbasiertheit wird systematisch überschätzt: Fast jeder Teilnehmende neigt dazu, seine eigenen Prozesse als vollständig regelbasiert zu bewerten. Gegensteuern mit der Frage: „Können Sie den vollständigen Entscheidungsbaum inklusive aller Ausnahmen auf einem Blatt Papier aufschreiben — ohne Informationen nachschlagen zu müssen? Wenn nicht, ist Regelbasiertheit maximal Score 2.”
(b) Das Nein-Kriterium „Empathie-intensiv” wird zu eng verstanden: Klärung: Nicht nur offensichtliche Krisengespräche, sondern alle Situationen, wo das Gegenüber gespürt haben muss, dass ein denkender, empathischer Mensch antwortet — nicht ein algorithmisches System.
(c) Teilnehmende wollen alle identifizierten Prozesse gleichzeitig angehen: Begrenzen auf einen bis zwei Piloten für den Anfang. „Fokus ist die Voraussetzung für Qualität beim ersten Agenten — und ein guter erster Agent öffnet Türen für alle folgenden.”
(d) SIPOC wird als bürokratisch empfunden: Reframen als pragmatisches Werkzeug: „20 Minuten jetzt, um drei Monate Fehlinvestition zu vermeiden — das ist das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis in diesem Modul.”
Diskussionsfragen für Reflexionsphase:
„Welcher Ihrer bewerteten Prozesse hat Sie überrascht — entweder weil der Score höher war als erwartet, oder niedriger?”
„Was müsste sich an einem Prozess mit Score 4 verändern, damit er auf Score 7 kommt? Ist das realistisch?”
Tafelbild-Vorschlag: 3×3-Matrix mit Häufigkeit auf der Y-Achse (Niedrig / Mittel / Hoch) und Regelbasiertheit auf der X-Achse (Niedrig / Mittel / Hoch). Felder farblich markieren: obere rechte Ecke = grün (Automatisieren), Diagonale = gelb (bedingt), untere linke Ecke = rot (nicht automatisieren). Während Übung 1 Prozesse aus dem Plenum einzeichnen lassen.
Differenzierung Power-User ↔ Einsteiger: - Einsteiger: Übung 1 vollständig durcharbeiten mit Begründungen. Für Übung 2 mindestens einen Prozess mit vollständiger SIPOC-Aufnahme auswählen. - Power-User: Übung 2 vollständig abschließen und zusätzlich: Portfolio-Logik anwenden — wenn drei Kandidaten alle Score 7+ haben, nach welchen weiteren Kriterien priorisieren Sie? Begründen Sie die Reihenfolge schriftlich.
Tipp für verschiedene Branchen: - IT-Beratung: Reporting und Ticket-Routing als natürliche Top-Kandidaten einbringen. - Industrie: Wartungsprotokoll und Störungsmeldung. - Finanz/Versicherung: Schadenklassifikation und Mahnwesen. - Öffentliche Verwaltung: Standardanfragen und Formularprüfung.
Materialliste: Bewertungsraster-Vorlage ausgedruckt (Tabelle mit Spalten für Häufigkeit / Regelbasiertheit / Wert / Gesamt / Empfehlung / Nein-Kriterium); Nein-Kriterien-Referenzkarte; SIPOC-Mini-Template für Übung 2.
Übergang zur nächsten UE: „Sie wissen jetzt, welche Prozesse sich für Agenten eignen. In UE 81 entscheiden wir für jeden ausgewählten Prozess, wie viel menschliche Kontrolle er braucht — das Drei-Stufen-Freigabemodell gibt uns den strukturierten Rahmen dafür.”
Quelle: KI-Wissensbasis von MindsMachines, Edition Juni 2026. Vollständige Fassung mit Anhängen und Musterlösungen: als PDF anfordern.
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